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RL #007: Zu komplex vs. zu banal – Wie lässt sich Wissenschaft verständlich kommunizieren?

Im Nachruf auf einen Feuilleton-Journalisten war einmal zu lesen, dass der gerade Verstorbene als junger Autor die Aufgabe hatte, ein philosophisches Werk zu rezensieren. Sein Ressortchef habe damals die fertige Rezension gelesen und gesagt: „Wunderbar. Aber schreiben sie es doch bitte so, dass diese philosophischen Gedanken jeder versteht.“ Darauf soll der junge Journalist geantwortet haben: „Das kann ich machen. Aber dann sind es keine philosophischen Gedanken mehr.“ Eine schöne Anekdote. Für die Einen illustriert sie den Bildungsdünkel junger Geisteswissenschaftler, für die Anderen bringt sie genau auf den Punkt, was das Schwierige an der Kommunikation komplexer Inhalte ist: Nämlich, dass sie nicht immer jedem verständlich zu machen sind, ohne sie zu banalisieren. Dieses Problem stellt sich gerade in der Wissenschaftskommunikation ständig – aber auch in anderen Bereichen.

Das Problem kennen viele Journalisten, Texter und Pressearbeiter. Den Mittelweg aus fachlicher Komplexität, sachlicher Angemessenheit und Lesbarkeit zu treffen, ist nicht leicht. Wenn es um das Vermitteln komplexer Inhalte geht, lassen sich klare Aussagen wunderbar hinter komplexen Sätzen und Fremdwörtern verstecken. Und manchmal werden komplexe Formulierungen auch genutzt, um zu verschleiern, dass es eigentlich um Gemeinplätze geht – nur eben in wissenschaftlichem Kontext. „Und doch ist nichts leichter, als so zu schreiben, daß kein Mensch es versteht; wie hingegen nichts schwerer, als bedeutende Gedanken so auszudrücken, daß Jeder sie verstehn muß.“ wusste Arthur Schopenhauer über Schriftstellerei und Stil.

Wie das gelingen kann, zeigen heute, eineinhalb Jahrhunderte später, eine Reihe von YouTube-Kanälen, die sich der Kommunikation komplexer, wissenschaftlicher Inhalte widmen. Forschung & Lehre hat einige der besten deutschsprachigen YouTube-Kanäle zur Wissenschaftskommunikation zusammengestellt: „Faktenbasiert, kurzweilig und leicht verständlich arbeiten darin diverse YouTuber erfolgreich ernste Wissenschaftsthemen für die breite Öffentlichkeit auf.”

Dass Wissenschaft überhaupt dazu angehalten ist, ihre Inhalte verständlich zu vermitteln, ist keine Selbstverständlichkeit und historisch betrachtet ein eher junges Phänomen. Erst seit der Jahrtausendwende werde verstärkt über die Öffentlichkeit der Wissenschaft diskutiert, schreibt Stefan Bauernschmidt in einem lesenswerten Beitrag Zur Kartierung zentraler Begriffe in der Wissenschaftskommunikationswissenschaft. „Dies verläuft in etwa parallel zur großangelegten Verlagerung von einem Public Understanding of Science (PUS) zu einem Public Engagement in Science (PES). Es ist eine Vergesellschaftung der Wissenschaft, die mit dem Begriff der Öffentlichen Wissenschaft einhergeht . Mit diesem wird darauf Bezug genommen, Bürger an Auseinandersetzungen über strittige Forschungs- und Technisierungsprojekte oder sogar am Forschungsprozess selbst aktiv zu beteiligen .“ Wissenschaft zu kommunizieren wird danach zur demokratierelevanten Aufgabe.

Das Verhältnis von Demokratie und Wissenschaft beschreibt Michael Hagner, Professor für Wissenschaftsforschung an der ETH Zürich in einem Beitrag für Forschung & Lehre als „sich ergänzend”. „Für das Verhältnis von Wissenschaft und Demokratie ist viel gewonnen, wenn sich in den Wissenschaften die Erkenntnis durchsetzt, dass es nicht nur eine esoterische und exoterische Kommunikation gibt, sondern dass es auch in der öffentlichen Kommunikation unterschiedliche Rollen gibt. Esoterische und Exoterische Wissenschaftskommunikation wissen möchte, findet den Beitrag hier.

Wer es eine Spur praktischer mag, dem liefert möglicherweise ein Artikel aus National Geographic ein wenig Inspiration, die Wissenschaftskommunikation mit Humor anzureichern. Es wird darin über eine Studie berichtet, die zeigt, dass die Witze in amerikanischen Late Night Shows durchaus zur Verbreitung von Wissen über Themen wie die Wirkung von Impfungen oder den Klimawandel beitragen können. Die Komplexität von Wissenschaft können allerdings auch die besten Witze nicht auflösen. „Wissenschaft ist komplex. Dies in wenigen Minuten zu vermitteln und dabei Witze zu reißen, kann eine Herausforderung darstellen. Im besten Fall ermutigt Satire die Zuschauer nicht nur dazu, sich mit wissenschaftlichen Themen zu befassen, sondern auch kritisch darüber nachzudenken.”

Damit sich möglichst viele Interessierte mit Wissenschaft überhaupt befassen können, muss nicht die Wissenschaft ihrer Komplexität beraubt werden. Die Sprache, in der man über Wissenschaft spricht, kann man allerdings so wenig komplex wie möglich gestalten. Das Netzwerk Leichte Sprache nimmt sich dieses Themas an und hat eine nützliche Sammlung von Regeln für leichte Sprache erstellt.