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RL #024: Aus unserer Projektarbeit: Gamification im Archäologie-Tourismus

In dieser Oikoplus Reading List geht es ausnahmsweise nicht um eine bestimmte Fragestellung aus dem Bereich der Science Communication and Research Dissemination. In dieser Oikoplus Reading List geht  um eines unserer eigenen Projekte.

In den vergangenen zwei Jahren haben wir durch die Beteiligung unseres Vereins Sustainication e.V. am Interreg-Projekt ArcheoDanube viel über Archäologie gelernt. Und über die spannende Herausforderung, Archäologie für die Entwicklung nachhaltiger Tourismuskonzepte zu nutzen. 

Nach zweieinhalb intensiven Projektjahren geht ArcheoDanube Ende 2022 zu Ende. Mitte November fand die Closing Conference in der slowenischen Stadt Ptuj statt. Die unterschiedlichen am Projekt beteiligten Institutionen aus elf Ländern des Donauraums präsentierten die Ergebnisse des Projekts. Dazu zählen nicht nur  Guidelines zur Entwicklung archäologischer Parks als Vehikel für nachhaltigen Archäologie-Tourismus, sondern auch konkrete lokale Pilot Actions, in denen das Konzept der Archäologische Parks erprobt wird.

Und was hat ArcheoDanube nun mit Wissenschaftskommunination und Oikoplus zu tun? Jede Menge. Denn die Einbettung von Archäologie in Tourismuskonzepte erfordert die Kommmunikation von Forschungsergebnissen – angepasst an einen spezifischen Ort und spezifische Zielgruppen. Das Team von Sustainication/Oikoplus konnte sich nicht nur beim Verfassen eines e-Handbook über das Management archäologischer Stätten ins Projekt einbringen, sondern auch in drei Think Tank Workshops, in denen Local Action Plans in Szombathely (HU), Pilsen (CZ) und X (HR) evaluiert wurden. 

Digitale Tools, die helfen ArcheoTourism zum innovativen Erlebnis zu machen

Und: Wir haben eine Mobile App entwickelt. Die App ArcheoTales für Android und iOS, die gemeinsam mit dem Grazer Unternehmen Softwaregärtner entwickelt wurde, erlaubt es, Besucher von archäologischen Stätten und Museen auf digitale Scavenger Hunts (Schnitzeljagden) zu schicken. Damit können Anbieter von Kulturtourismus und Betreiber von Kulturerbestätten unterschiedlichen Zielgruppen didaktisch und spielerisch aufbereitete Inhalte anbieten. Und die Besucher können die Ausstellung in Form eines Rätselspiels in ihrem individuellen, eigenen Tempo erleben. Dabei kommunizieren die Besucher via Mobile App mit fiktiven Charactern in einem Massenger-Interface. 

Ein weiteres digitales Tool, das im Projekt ArcheoDanube entwickelt wurde, ist Yesterday-Today-Tomorrow. Es richtet sich speziell an Städte und Gemeinden, die über Kulturerbe- und Archäologiestätten verfügen, und eine Hilfestellung bei der Erstellung eines touristischen Konzepts in Form eines Archeoparks suchen. 

Wir haben im Projekt ArcheoTales ungemein viel über Archäologie und die Kulturgeschichte des Donauraums lernen dürfen, wunderbare Orte mit kulturtouristischen Schätzen besucht und fantastische Kolleginnen und Kollegen aus 14 Ländern kennengelernt. Dabei haben wir neue Freundschaften geschlossen und in einem für uns ganz neuen Bereich erfahren, was gute Wissenschaftskommunikation leisten kann – und wieviel Spaß es macht, sie zu betreiben.  

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RL #023: Auf den Punkt gebracht: wissenschaftliche Inhalte präsentieren

Juli und September sind in Europa Konferenzmonate. Untertags steht die Sonne angenehm hoch, Außen- und Innenbereiche können ohne großen Zusatzaufwand genutzt werden. Die Stimmung ist gut, fast ausgelassen. Der Lehrbetrieb ist an den meisten Unis entweder gerade zu Ende gegangen oder hat noch nicht begonnen. Es ist Urlaubszeit und je nach Ort und Interesse hängen einige noch 2-3 Tage an die Konferenz an. Andere kommen eher. Neben dem angenehmen Setting allerdings, sind Konferenzen auch jene Momente in einer Wissenschaftskarriere, in denen es darum geht Aufmerksamkeit für sich und die eigene wissenschaftliche Arbeit zu erzeugen. In einem höchst fluiden Kontext lernen Sie hier ihre nächsten Verbündeten, ihre Co-Autor*innen und Vorgesetzten kennen. Dafür müssen Sie aber mit ihren Ideen überzeugen. Und das bedeutet vor Allem, Inhalte auf den Punkt zu bringen. Genau damit beschäftigt sich diese Reading List.

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Auf den Punkt bringen: Englisch als doppelte Hürde

Etwas auf den Punkt zu bringen bedeutet zunächst einmal alles Unnötige wegzulassen. Keine Details; nur das für Ihr Argument wichtigste soll artikuliert werden. Synonyme sind ‚etwas klar Aussprechen‘, ‚ganz offen sein‘, mit etwas ’nicht hinter dem Berg halten‘, ‚deutlich werden‘ und sich ‚unmissverständlich ausdrücken‘. Gar nicht so einfach, wenn ein Großteil der Kommunikation in Fremdsprache passiert. In der Karrierekolumne des Nature, forderte Roey Elnathan 2021 (paywall) daher, dass es endlich breit aufgestellte Mentoring Programme für angehende und erfahrene Wissenschafter benötige, die in Fremdsprachen publizieren. Präzision, so das Argument von Elnathan, sei anders nicht zu erreichen.

English ist dabei aber nur die aktuelle Lingua Franca der Wissenschaft. Im Video-Podcast Languages in Science von MetodieStrategie führt Timothy E.L Douglas aus, dass wir seit dem 17ten Jahrhundert bereits Latein, Deutsch und Französisch als Wissenschaftssprache erleben durften. Er spricht für die europäisch-westliche und die internationale Wissenschaftscommunity. Zuletzt, so Douglas, wurde die Wissenschaft sprachlich wieder diverser.

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Ein weiterer wichtiger von Douglas im Podcast angesprochener Punkt betrifft das Zielpublikum. Und dabei, so scheint es, fällt es den englischen Muttersprachlern oft am schwierigsten, ihre eigene Sprachkompetenz an die Community anzupassen. Wie auch für das Schreiben gut lesbarer wissenschaftlicher Texte, ist das Kennen der Hörer*innen und Leser*innen eine Grundbedingung. Sie nämlich definieren den Rahmen für den berüchtigten Punkt auf den wir unsere Argumentation bringen sollen. Jammern auf hohem Niveau?

Ich gestalte eine Präsentation. Was gehört auf den Punkt gebracht?

Kurzum: alles! Die Einleitung, ihre Forschungsfrage und, falls vorhanden, Ihre Hypothesen. Die Methodik. Das Bildmaterial und ihre Argumentation. Kein Detail das nicht benötigt wird, kein Nebensatz zu viel. Kurze Sätze vorgetragen in Sprech- und nicht in Lesegeschwindigkeit und mit Atempausen. Weil viele ihre Argumente kombiniert mit Text, Bild und visualisierten Daten vortragen, auch hier die Erinnerung: kommen Sie auch hier zum Punkt!

Dabei sei festgehalten, dass Diagramme, Graphen und auch Photographien zur Vermittlung von Wissen und Inhalten innerhalb der Fachcommunities zulässig sind. Das jedenfalls argumentiert Laura Perini in Visual Representations and Confirmation (paywall). Die Bilder und bildlichen Darstellungen, die Perini als für die Wissenschaftscommunity klassifiziert, sind damit ungleich jenen, die Wissenschaft repräsentierenden Bildern, die z.B. die Max-Plank Gesellschaft zum Kauf anbietet. Haben Sie kein Kernanliegen, sondern nur ästhetischen Wert? Wieder gilt die Frage nach den Hörer*innnen. Ein Bild zum Nachvollziehen der Geschichte und Kontextes, eine Karte zur Verortung, eine Grafik, um statistische Verteilungen wiederzugeben. Damit letztere übersichtlich bleiben, geht’s hier zu ein paar aussagekräftigen Visualisierungen und DIY Wiki der University of York.

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Das eigene Interesse zum Punkt bringen: Feedback einholen, Ideen und Anregungen sammeln, Allianzen schmieden.

Zu guter Letzt‘ noch einen Tipp; eine Anregung. Nach meinen ersten eigenen Erfahrungen auf dem Konferenzparkett stellte ich schnell fest, dass ich manchmal nicht die Art von Feedback erhalte, die ich mir erwartet hatte. Wenn aber ihre Präsentation ein Argument au den Punkt gebracht war, dann dürfen Sie das auch von ihren Hörer*innen erwarten. Geben Sie Ihnen eine Frage mit auf den Weg. Teilen Sie mit, was Sie seit ihrer letzten Erkenntnis beschäftigt und laden Sie zum mitdenken ein. Auch Bedürfnisse Ihre eigenen Bedürfnisse dürfen auf den Punkt gebracht werden. Denn nur wenn Sie mit guten Gesprächen im Gepäck von Ihren Konferenzen zurückkehren, finden Sie im Herbst die Motivation sich auf den kommenden Konferenzsommer vorzubereiten.

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RL #022: Was Sie über Energie-Kooperativen wissen sollten

Die Beschäftigung der Medien mit der Energiewende ist durch die Energiekrise in Europa aktueller denn je. Und obwohl es vielen Medien gelingt, eine abgerundete und ausgewogene Debatte über die Rolle von Regierungen, Privatunternehmen in der Energiepolitik zu führen, wird dem Gedanken an Bemühungen um eine dezentrale, autonome und lokale Energieversorgung mit Bürgerbeteiligung nur wenig Raum gegeben. 

Wenn man Begriffe wie Bürgerbeteiligung in der komplexen Welt der Energieversorgung hört – z.B. Bürgerkraftwerke, Energiekooperativen oder Energiegemeschaften – klingen sie oft wie futuristische Phrasen, die in der Welt der Energiekonzerne ein bisschen fehl am platz sind. Das ist verständlich, aber falsch. Dieser Beitrag von Studierenden der Betriebswirtschaftslehre und der Umweltwissenschaften beleuchtet das Konzept der Energiegemeinschaften, die auf einer Zusammenarbeit zwischen Bürger:innen, Regierungen und Unternehmen für eine saubere Energiewende beruhen. Diese Initiativen leisten inzwischen europaweit einen großen Beitrag zur Bekämpfung des Klimawandels, wie Sara Giovanni von Energy Cities, einer europäischen Lerngemeinschaft für zukunftsfähige Städte, betont. Es ist daher umso wichtiger, dass die Kommunikation und der Informationsfluss über diese Initiativen verbessert werden. Deshalb widmen wir dem Thema diese Reading List.

Nach außen wenden

Zu den wichtigsten Problemen bei der Förderung von Energiegemeinschaften gehört der mangelnde Zugang zu Informationen. Das bedeutet für Interessierte, dass eine aktive Suche erforderlich ist, die ohne Vorkenntnisse schwierig ist. Ein weiteres Problem, auf das Wahlund und Palm von der Universität Lund hinweisen, ist die Voreingenommenheit gegenüber einem dezentralen Energiemodell und die Unterrepräsentation von Energiegemeinschaften (EG) in den Mainstream-Medien. Dezentrale Energieversorgung – das ist schlicht nicht die Norm, sondern wird von vielen noch als exotisch wahrgenommen. Daraus folgt, wie die Ergebnisse dieser Studie zweier niederländischer Universitäten zeigen, ein Mangel an Vertrauen der breiten Öffentlichkeit in die Energiegemeinschaften und damit eine Gleichgültigkeit gegenüber einer aktiven Rolle bei der Energiewende.

Für diejenigen, die sich bereits für Energiegemeinschaften interessieren, gibt es jedoch verschiedene Quellen, darunter diese Datenbank der Europäischen Föderation der Energie- und Umweltagenturen und -regionen, die nicht nur einen Einblick in die Beispiele, sondern auch in verschiedene Veröffentlichungen und Aktualisierungen im Zusammenhang mit Energiegemeinschaften bietet. Ein weiteres, allgemeineres Beispiel für eine informative Datenbank ist die Website Projects for Public Spaces, die eine breite Palette von gemeinschaftlich geführten Projekten aus der ganzen Welt zusammenfasst.

Und nach innen

Einer der Vorteile der internen Kommunikation innerhalb von Energiegemeinschaften ist das bereits bestehende Interesse an einer aktiven Beteiligung an der Energiewende, das als Antrieb für die Suche nach neuen Möglichkeiten des Wissensaustauschs und deren Schaffung dient. Dies hat, wie in diesem Forschungspapier der Universität Bologna dargestellt, zu einer Vielzahl von Versuchen geführt, EGs zu schaffen und die Kommunikation zwischen ihnen zu verbessern. Viele Studien, wie diese, wurden auch durchgeführt, um neue Methoden des Wissensaustauschs in der Energiewirtschaft und Änderungen zu analysieren, die vorgenommen werden können, um den Sektor an die Standards und Erfordernisse des 21.Jahrhunderts anzupassen.

Laut John S. Edwards von der Aston University in Birmingham fehlt es vielen Energie-Gemeinschaften im Bereich der erneuerbaren Energien jedoch immer noch an einem guten Verständnis für Wissensmanagement und Wissensverteilung, die im Öl- und Gassektor sehr gut entwickelt sind, was dazu führt, dass die Förderung grüner Energien und der interne Wissensaustausch hinter der fossilen Brennstoffindustrie zurückbleiben. Der Erwerb, die Archivierung und die Nutzung von Wissen innerhalb von Energiegemeinschaften werden, wie William King in seiner Doktorarbeit an der Universität Coventry feststellte, in den kommerziellen Branchen viel besser verstanden und betrieben als in den EGs, die sich flächendeckend eher noch in einem frühen Entwicklungsstadium befinden. Darüber hinaus gibt es keinen theoretischen Rahmen, der als allgemeingültiges Handbuch fungieren könnte, in dem wirksame Strategien für das Wissensmanagement (einschließlich der verwendeten Sprache, eines Glossars der Schlüsselbegriffe und ihrer Anwendbarkeit in verschiedenen Kontexten) festgelegt wären.

Die Energiewende steckt in vielerlei Hinsicht noch immer in ihren Kinderschuhen, aber durch die Verbesserung verschiedener Elemente, einschließlich der Umwandlung dieses Nischenmarktes in einen Mainstream-Prozess durch eine leichter zugängliche Medienberichterstattung, kann die Geschwindigkeit erhöht werden, mit der die derzeitigen traditionellen und zentralisierten Energiesysteme in eine von der Gemeinschaft geführte, gemeinschaftliche Anstrengung umgewandelt werden.

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RL #021: Befreien Sie Ihr Hirn: KI-basierte Kommunikation in der Wissenschaft

Diese Reading List ist anders. Alle in kursiv formatierten Textstellen wurden von einer KI mit dem Namen Neuroflash formuliert. Lesetipps und ein paar persönliche Gedanken des Kurators finden Sich erst im letzten Absatz.

KI in der Wissenschaftskommunikation

Wissenschaftliche Artikel sind oft trocken und schwer verständlich. Doch das muss nicht sein! Dank neuer Technologien, wie zum Beispiel KI-basierte Software, können auch Wissenschaftler ihre Artikel interessant und leicht verständlich schreiben.

In den letzten Jahren ist die Rolle von KI in der Wissenschaft immer deutlicher geworden. Durch die Möglichkeit, große Datenmengen zu analysieren und verarbeiten, unterstützt Sie Forscher dabei, komplexe Themen zu verstehen und aufzuarbeiten. Auch wenn die KI noch nicht perfekt ist, so hat Sie doch das Potenzial, die Wissenschaftskommunikation zu nachhaltig zu verbessern – insbesondere was die Effizienz und Qualität betrifft. Dennoch ist es wichtig, die Grenzen der Technologie zu kennen und nicht blindlings auf sie zu vertrauen. Nur so können wir sicherstellen, dass KI uns tatsächlich unterstützt und nicht ersetzt.

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Beispiele für die Anwendung von KI in der Wissenschaftskommunikation

In der Kommunikation von Wissenschaft, also im Niederschreiben von Prozessen und Ergebnissen, unterstütz KI bereits heute Forschende bei der Literaturrecherche oder bei der Erstellung von Abstracts und Summaries. Helfen kann die KI auch beim Schreiben von Fachartikeln. Dabei übernimmt sie jedoch nicht die komplette Arbeit, sondern unterstützt den Wissenschaftler bei der Recherche und dem Aufbau des Arguments. Wichtig ist dabei die Kontrolle zu behalten! Selbstkritisch formuliert die KI: dass sie beispielsweise keine Emotionen vermitteln kann.

Fazit: Befreien Sie Ihr Hirn – mit KI!

Schon mit diesem Beitrag wird deutlich, dass KI schon bald eine wichtige Rolle in der Wissenschaftskommunikation spielen wird. Durch die Verwendung von KI-basierten Systemen können Wissenschaftler ihre Forschung schneller und effektiver veröffentlichen. Vor allem aber, ermöglicht die KI sowohl Wissenschaftlern als auch Journalisten interessante und leicht verständliche Texte zu schreiben. Wenn wir der KI ihrer Selbsteinschätzung glauben wollen, dann wird sie schon bald einen wesentlichen Beitrag dazu leisten, dass die Wissenschaft, die wir produzieren, auch von möglichst vielen Menschen gelesen und verstanden wird.

Photo by Max Langelott on Unsplash

Lesetipps und Bemerkungen eines Menschen

Selbstbewusst tritt Sie auf, die KI. Und Sie hat allen Grund dazu. In „Tortured Phrases“ thematisieren Guillaume Cabanac et al. die Zunahme AI-generierter Texte in der Wissenschaft und stellen dabei die Integrität der Forschenden in Frage. Weniger voreingenommen fragt Yolanda Gil in dem im AI Magazine erschienenem Artikel, ob AI bald in der Lage sein wird wissenschaftliche Texte zu formulieren. Ihre Antwort: Ja – und zwar eher früher als später. Die daraus resultierenden Herausforderungen und Aufträge an die Wissenschafter*innen selbst führt Mico Tatalovic in seinem Paper „AI writing bots are about to revolutionaise science cournalism“ für das Journal for Science Communication aus.

Wie es sich anfühlt die Reading List schreiben zu lassen? Mir war es wichtig so wenig als möglich in den Textvorschlag einzugreifen. Das lässt sich zum Beispiel an der fehlenden geschlechtergerechten Sprache ablesen. Aber auch an dem Selbstvertrauen das die KI mitbringt. Wie biased ist eine KI, die über sich selbst schreibt? Vieles davon würde ich nicht so formulieren; ich würd‘ es entschärfen. Oder nachschärfen. Und daran lässt Sich die KI erahnen. Keine flapsige Formulierung, aber eben auch keine besonders spezifische. Wage zu bleiben, scheint der Imperativ zu sein. Keine Sorge. In Zukunft werden wir wieder mehr selbst schreiben.

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RL #020: Kommunizierende Wissenschaft und Demokratie

Ständig in Bewegung, hat die Demokratie weltweit in letzter Zeit einen starken Rückgang erlebt. Laut einer Pressemitteilung von Freedom House aus dem Jahr 2021 haben unterschiedliche Faktoren, darunter die Covid-19-Pandemie, vor allem aber die Unverständlichkeit gesundheitlicher, sozialer und wirtschaftlicher Prozesse, zum Rückzug Einzelner aus dem öffentlichen Raum beigetragen. Für die Demokratie ist das Fatal: das sich Abschirmen gefährdet Freiheit, Inklusion und eine gemeinschaftliche Entscheidungsfindung. Aber Wissenschaftskommunikation sollte und kann schwer verständliche Konzepte klären. Sie kann die Kluft zwischen der laufenden Forschung und der breiten Öffentlichkeit überbrücken. Sie kann das Unbehagen, einen Beitrag zum öffentlichen Raum zu leisten, lindern. Auf unsere Reading List zum Thema Inklusion in der Wissenschaftskommunikation folgend, stellen wir dieses Mal Texte vor, die die Beziehung zwischen Wissenschaftskommunikation und Demokratie thematisieren.

Demokratie und eine informierte, aber hilflose Öffentlichkeit

Demokratie ist ein Prozess, der eine kontinuierlich informierte Öffentlichkeit erfordert. Nur so ist ein gleichberechtigter öffentlicher Diskurs möglich. Im Detail aber aber, scheinen die Dinge noch viel komplexer zu sein. In „The Fall of the Public Man“ (hier erhältlich) führt Soziologe Richard Sennett aus, dass das Versäumnis, der Zivilgesellschaft Wissenschaft zu erklären, demokratischer Prozesse stört. Unverständliche Informationen verstärken demnach das Unverständnis für laufende Entwicklungen. Und sie führen zu einem mangelnden Interesse an allem, was über den das Individuum Betreffende hinausreicht.

Photo von Marc Kleen auf Unsplash

Lassen Sie uns das auf die städtische Ebene beschränken. Wie Peter Marcuse in „From Critical Urban Theory to the Right to the City“ hervorhebt, verursacht die global empfundene Unzufriedenheit in Kombination mit den gegenwärtigen Lebensbedingungen weltweit zu einer Menge Frustration. Diese Frustration resultiert vor allem aus dem mangelnden Zugang zu Wissen. Sie hemmt unser Verständnis für unsere Relevanz und Rolle bei der Verbesserung unserer Situation und lässt uns hilflos fühlen. Dieses Gefühl der Hilflosigkeit wird durch die physische und intellektuelle Expansion privater Akteure noch verstärkt. Wir können ihre Auswirkungen auf unsere Umwelt, Wirtschaft und Gesellschaft nicht einschätzen. In „Whose City Is It? Globalization and the Formation of New Claims“ legt Saskia Sassen dar, dass es genau diese Einheiten sind, die das Individuum aus der Öffentlichkeit drängen.

Wissenschaftskommunikatoren in demokratischen Umgebungen

Ein weit verbreiteter, die Hilflosigkeit verstärkender Irrglaube ist, dass wissenschaftliche und akademische Erkenntnisse ausschließlich von Fachleuten gewonnen werden können. Klar, Spezialisierung bietet besondere Möglichkeiten für die Durchführung und Beurteilung der Forschung. In „We have never been modern“ argumentiert Bruno Latour allerdings, dass gesellschaftlicher Wandel auf der gemeinschaftlichen Produktion von Informationen beruht. Es gehe darum, den Menschen das Gefühl von Autonomie und die Fähigkeit zur Selbstbestimmung zu geben.

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Ähnlich wie Latour argumentiert Bruce V. Lewenstein in „Expertise, Democracy and Science Communication„, dass die Zivilgesellschaft aufmerksamer und verständnisvoller wird, wenn sie die Wissenschaft versteht. Im Gegenzug steigt die öffentliche Nachfrage und damit auch das Potenzial für Finanzierungen. Gleichzeitig führt, wie Bernard Schiele et al. in „Science Communication and Democracy“ dargelegen, gemeinsame Wissensproduktion zu einer heterogeneren Gesellschaft. Nämlich einer Gesellschaft, die in der Lage ist, informierte und damit differenziertere Entscheidungen über die Zukunft unseres Planeten zu treffen.

Wie kommunizierte Wissenschaft Demokratie unterstützen kann

Die Wissenschaftskommunikation allein wird das Problem der schwindenden globalen Demokratie nicht lösen. Aber sie trägt dazu bei, dass Wissen aus den Händen weniger in den Besitz vieler gelangen. Die Dezentralisierung von Wissen ist ein wichtiger Faktor für die Gleichberechtigung und Bedingung eines gut informierten Wahlvolks; sie verbessert die Qualität der Entscheidungsfindung. In „Scientific Citizenship in a Democratic Society“ argumentiert Vilhjálmur Árnason, dass Wissenschaftskommunikation und wissenschaftliche Kompetenz die öffentliche Politikgestaltung vorantreiben. Er meint, dass Plattformen für den gegenseitigen Unterricht der Schlüssel zur Bekämpfung von Unwissenheit seien. Sie könnten den einen nachhaltigen gesellschaftlichen Wandels jedenfalls unterstützen. Weiterführend wir das Konzept der „motivierten Unwissenheit“ wird von Daniel Williams vom Hasting Center erörtert.

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Letztlich ist dies der Punkt, an dem die Wissenschaftskommunikation ihre Wirkung entfalten kann. Wissensdemokratie, wie Alice Lemkes die Herausforderung der Wissenschaftskommunikation in ihrem Weißbuch für Lankelly Chase nennt, sei die einzige Möglichkeit, dem starren System der hierarchischen und undemokratischen Wissensproduktion entgegenzuwirken.

Diese Reading List wurde von Zuzanna Zajac verfasst.

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RL #019: Warum Kommunikation ein wesentlicher Bestandteil wissenschaftlichen Arbeit sein sollte

Wir von Oikoplus bieten Wissenschaftskommunikation an. Aber warum eigentlich? Was war noch einmal der Zweck der Kommunikation von Forschungsergebnissen an ein breites Publikum? Gibt es für Forschung nicht ein Fachpublikum? Reicht es nicht, wenn jene über Forschung lesen und reden, die sich damit auskennen? Naja. Es gibt triftige Gründe für einen breiten Ansatz in der wissenschaftlichen Öffentlichkeitsarbeit. In dieser Reading List finden sich einige davon.

Im Deutschen gibt es den Ausdruck „Auf den Boden der Tatsachen zurückkehren”. Die Metapher wird gern verwendetet, um dazu aufzufordern, eine Diskussion wieder an der geteilten Faktenbasis zu kallibrieren, wenn sie ausgeufert ist, und sich Unwahrheiten oder Lügen eingeschlichen haben. Wissen über Tatsachen und Fakten sind das Ergebnis von Forschung und Wissenschaft. Es geht dabei also genau um den Boden aus der Metapher. Und auf diesem Boden sind eben nicht nur Expertinnen und Experten unterwegs, sondern wir alle – auch wenn wir alle ihn gelegentlich verlassen. Manche seltener, manche häufiger, ob bewusst oder unbewusst.

Für eine integrativere Wissenschaft

Mónica Feliú-Mójer hat im Jahr 2015 für den Blog von Scientific American zusammengefasst, weshalb Kommunikation für bessere Wissenschaft sorgt. Wenn Wissenschaftler in der Lage sind, über ihre Fachkolleg_innen hinaus effektiv mit einem breiteren, nicht-wissenschaftlichen Publikum zu kommunizieren, stärke das die Unterstützung für die Wissenschaft und fördere das Verständnis für ihre breite Bedeutung für die Gesellschaft und rege zu einer fundierteren Entscheidungsfindung auf allen Ebenen an, von der Regierung über die Gemeinden bis hin zum Einzelnen. Kommunikation könne die Wissenschaft außerdem auch für Zielgruppen zugänglich machen, die traditionell vom wissenschaftlichen Prozess ausgeschlossen sind. Sie könne somit dazu beitragen, dass die Wissenschaft diverser und integrativer werde.

Für das Allgemeinwohl

In Texten über Wissenschaftskommunikation liest man immer wieder, die Forschenden dürften den Kontakt zur Gesellschaft nicht verlieren. Natürlich nicht. Wieso sollte Forschung außerhalb der Gesellschaft stehen? Im Idealfall soll die Forschung schließlich der Gesellschaft dienen. Dieses Verhältnis zwischen Wissenschaft und Zivilgesellschaft ist jedoch keineswegs selbstverständlich. Toss Gascoigne und Joan Leach, beide Professoren am Centre for the Public Awareness of Science der Australian National University, argumentieren in einem Beitrag für The Conversation, das 20. Jahrhundert könne historisch als ein langes Plädoyer für die Wissenschaftskommunikation im Interesse des Gemeinwohls gelesen werden.

Auch Forschende lesen nicht nur Research Papers

Einen kurzen Ausflug in die Geschichte der Wissenschaftskommunikation, der sogar bis ins 19. Jahrhundert reicht, unternimmt Dmitry Dorofeev in einem Beitrag über die Bedeutung laienverständlicher Wissenschaftskommunikation auf dem Life-Sciences-Portal news-medical.net 

Danach habe ein Redakteur der Wiener Tageszeitung Neue Freie Presse im Jahr 1895 zufällig von der Entdeckung der Röntgenstrahlen durch Wilhelm Röntgen erfahren, die Bedeutung glücklicherweise erkannt und einen Artikel auf der Titelseite seiner Zeitung untergebracht. Dieser Artikel sei daraufhin vom London Chronical und der New York Sun aufgegriffen worden, und einige Tage später auch von der New York Times. Die schnelle Verbreitung der News über die für die Medizin revolutionäre, bildgebenden Methode in Massenmedien habe dazu beigetragen, dass die Röntgentechnologie schon im folgenden Jahr in über 1000 wissenschaftlichen Artikeln erwähnt worden sei, so Dorofeev. Schließlich – das gilt bis heute – informieren sich auch Forschende nicht nur in Fachpublikationen.

Werbung oder PR?

Forschung und Wissenschaft so zu kommunizieren, dass möglichst viele Menschen daran teilhaben können, damit das Gemeinwohl davon profitiert und damit auch die Forschenden selbst sich leichter über die Arbeit ihrer Kolleginnen und Kollegen informieren können, das sind edle Gründe, Wissenschaftskommunikation zu betreiben. Daneben dient die Wissenschaftskommunikation zunehmend auch der Werbung und PR für einzelne Forschungseinrichtungen und Wissenschaftsstandorte. Empirisch haben sich Peter Weingart und Marina Joubert an der Stellenbosch University in Südafrika 2019 mit den Motivationen, Wissenschaftskommunikation zu betreiben, beschäftigt. Auf Grundlage ihrer Erkenntnisse über die zunehmend aktiv betriebene Wissenschaftskommunikation kommen sie zu dem Schluss, dass eine Unterscheidung zwischen pädagogischen und werblichen Formen von Wissenschaftskommunikation dringend geboten sei. Nur so kann die Glaubwürdigkeit von Wissenschaft erhalten bleiben.

Es gibt als viele sehr gute Gründe, Wissenschaft und die Ergebnisse von Forschung so zu kommunizieren, dass sie für möglichst viele Menschen verständlich und interessant sind. Der wichtigste aller Gründe bleibt dabei, dass jener anfangs zitierte Boden der Tatsachen bestellt gehört. Denn auf ihm erwachsen Neugier, Erkenntnis und Innovation. 

In unserem Projekt ArcheoDanube versuchen wir deshalb, Archäologie touristisch nachhaltig zu erschließen und die Ergebnisse von Forschung über die Geschichte des Donauraums möglichst vielen Menschen zugänglich zu machen. Gerade ist der vierte Newsletter des Interreg-Projekts erschienen.

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RL #018: Schreiben mit Lesefluss: Über die Reduktion des Energieeinsatzes im Leseprozess

In der Wissenschaft lesen wir ständig. Und zwar lesen wir lange Texte, kurze Texte. Monografien, Sammelbände, Abstracts. In den Naturwissenschaften sind Paper meist kürzer und folgen einem straff organisiertem Aufbau. Bei den Sozialwissenschaften hingegen, sind die Texte länger und in der Struktur fluider. In beiden finden wir Sprachbilder, Beispiele und Vergleiche. Sie geben den Ergebnissen einen Rahmen. Disziplinenübergreifend gilt, dass unsere im Lesen und Verstehen geübten Leser*innen, entsprechend der Textqualität mehr oder weniger Energie aufwenden. Genau damit setzt sich diese Reading List auseinander.

Et= Esyn+Esem

2014 schrillten die Alarmglocken in der US-amerikanischen Wissenschaftsszene: erstmals seit 35 Jahren, würden Wissenschaftler*innen weniger lesen. Bald stellte sich heraus: die Analyse war falsch und der Titel des Artikels verwirrend. Tatsächlich lesen Wissenschaftler*innen seit den 1970er Jahren nämlich immer mehr. Und zwar 264 Artikel im Jahr; oder 22 pro Monat. In einem im Nature veröffentlichten Beitrag, gibt Richard Van Noorden Einblick in die Details der Lesegewohnheiten von Wissenschaftler*innen.

Für jeden neuen Artikel lassen sich die Kolleg*innen auf ihnen zuvor oft unbekannte Narrative und Schreibstile ein. Ohne die Inhalte zu kennen, bringen sie dafür Energie auf. Die totale für das Verarbeiten eines Satzes notwendige Energie (Et) setzt sich aus zwei Komponenten zusammen: der syntaktischen Energie (Esyn) und der semantischen Energie (Esem). Damit argumentiert jedenfalls Jean-Luc Lebrun im 2007 veröffentlichten Buch „Scientific Writing“.

Am besten nachvollziehen, lässt sich der benötigte Energieaufwand beim selbst lesen. Wie einfach fällt es Ihnen lange, umständlich strukturierte Sätze zu dechiffrieren und – viel wichtiger – konnten Sie neben der Struktur auch den Inhalt erfassen? Um die Komplexität selbst geschriebener Sätze zu verdeutlichen, kann es helfen alle Hauptaussagen (den Verbund von Nomen und Verb) zu unterstreichen. Je größer die Abstände zwischen den unterstrichenen Passagen, desto umständlicher die Formulierungen. Wir sind an Lebruns‘ Kern angekommen.

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Satzstrukturen aufbrechen

Damit Ihre Leser*innen beim Dechiffrieren von Satzstrukturen Energie sparen und diese für das Verstehen der Inhalte aufwenden können, gibt es eine Reihe von Strategien. Im Jahr 2013 veröffentlichten Tomi Kinnunen et al. Von der Universität Ostfinnland den SWAN – Scientific Writing Assistant. Das in einem Paper beschriebene SWAN baute auf den von Lebrun aufgestellten Prämissen auf und sucht in Texten nach besonders herausfordernden Satzstrukturen: Schachtelsätze, Nominalstrukturen, Langatmigkeit. Leider wurde das Projekt 2013 eingestellt. In Teilen, übernehmen heute Programme wie z.B. Grammarly diese Funktion. Aber aufgepasst: mit grammatikalischen Strukturen darf, wenn es denn der Verarbeitung von Inhalten zuträglich ist, gebrochen werden. Auch in wissenschaftlichen Essays.

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Besondere Bedeutung kommt beim Aufbrechen von Satzstrukturen den Satzzeichen zu: Kommata, Strichpunkten, Doppelpunkten und Gedankenstrichen. In einem Blogbeitrag der Writing Cooperative, zeigt Karen deGroot Karter auf, wie Satzzeichen nicht nur richtig, sondern auch den Lesefluss unterstützend, eingesetzt werden können. Ausführlicher wird Stephen Wilbers. Der Verwendung von Satzzeichen widmet er Week 21 in Mastering the Craft of Writing. Seine These lautet, dass zwar alle Satzzeichen trennen; dabei aber verschiedene stilistische Möglichkeiten bieten. Mit Kommata lässt sich spielen.

Schlussbemerkung

Lesefluss lässt sich quantifizieren. Das tut zum Beispiel ein WordPress-Plugin auf dieser Website. Der Flesch Reading Ease dieser Reading List liegt dem Plugin zufolge bei 32,3. Angeblich ist der Text schwer zu lesen. Grund für den niederen Score sind zu lange Sätze und zu wenige Worte, die einen Übergang andeuten. Sich davon verunsichern zu lassen, wäre aber falsch. Es gibt gewiss Leser*innen und Autor*innen, die den Text als gut leserlich bezeichnen würden. Und bei 22 Artikeln im Monat und 264 Artikeln im Jahr, dürfte auch für wissenschaftliche Publikationen gelten, dass nicht alles, was als unlesbar gilt, auch unverständlich ist. Sich mit dem eigenen Schreiben auseinanderzusetzen, kann jedenfalls dabei helfen, die eigenen Gedanken und Ideen besser zugänglich zu machen.

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RL #017: Ethik in der Wissenschaftskommunikation

In dieser eher kurzen Reading List, widmen wir uns der Frage, ob es ethische Standards gibt, die Wissenschaftskommunikation einhalten sollte. Eine simple Antwort lautet: Ja, natürlich. Bei genauerer Betrachtung ist die Fragestellung aber gar nicht so banal. Denn Debatten um ethische Fragen sind sowohl in der Wissenschaft, als auch in der Kommunikationsbranche allgegenwärtig. Für die Wissenschaft gelten nicht die Gesetze der Kommunikationsbranche – und für die Kommunikationsbranche gelten keine wissenschaftlichen Standards. In der Praxis wurde diese gar nicht so kleine Differenz zu Beginn der Corona-Pandemie deutlich, nämlich als die Regierung des deutschen Bundeslands Nordrhein-Westfalen eine Studie in Auftrag gab und diese dann auch noch von einer professionellen PR-Agentur maximal ausgeschlachtet wurde, wobei der PR-Agentur möglicherweise auch die Interpretation der wissenschaftlichen Ergebnisse überlassen wurde. Den Fall fasst ein Artikel von KOM – Magazin für Kommunikation zusammen.

Die Gute Wissenschaftliche Praxis

Erst durch die hohen Standards, die sie bei der Produktion von Wissen an sich selbstanan anlegt, wird die Wissenschaft zur Wissenschaft. Zu diesen Standards wissenschaftlichen Arbeitens zählen neben der Transparenz und der Reproduzierbarkeit ihrer Methoden auch Aspekte wie Ehrlichkeit, Verantwortlichkeit und Verlässlichkeit. In Summe führt die Einhaltung der wissenschaftlichen Standards zur Guten Wissenschaftlichen Praxis. Wissenschaftliche Standards sind die Antwort auf die Frage, wie Forschung betrieben werden muss, um als Wissenschaft anerkannt zu werden. Sie sorgen für die Unterscheidbarkeit wissenschaftlichen Wissens von Erfahrungswissen, Anecdotal Knowledge, bloßer Überlieferung oder religiöser Erkenntnis. Sie sorgen für wissenschaftliche Integrität. Eine umfängliche Definition dieser Standards findet sich im European Code of Conduct for Research Integrity.

Ständiges Self-Assessment

Die Gute Wissenschaftliche Praxis allein reicht jedoch nicht unbedingt aus, um auch ethischen Standards gerecht zu werden. Die Gute Wissenschaftliche Praxis beantwortet die Frage, wie Forschung zu betreiben ist, um integer zu sein. Ethische Standards berühren darüber hinaus die Frage, was in der Forschung zu tun bzw. zu unterlassen ist. Dabei geht es um die Rolle menschlicher und tierischer Versuchsobjekte in der Forschung, um den Umgang mit persönlichen Daten, von Fotos bis zum individuellen menschlichen Genom. Viele Forschungseinrichtungen setzen bei der Frage nach der Ethik in der Wissenschaft auf die dauernde Selbstüberprüfung der Forschenden. Für die Umsetzung solcher Self-Assessments in EU-geförderten Projekt bietet die Europäische Kommission Guidelines.

Die Gute Wissens-PR

Das alles betrifft die Wissenschaft. Aber wie steht es um die Ethik in der Wissenschaftskommunikation? Gibt es auch Standards und Kriterien für gute Science-PR und Dissemination, oder gar für die ethisch korrekte SciComm? Um es vorweg zu nehmen: Ja, es gibt solche Standards, z.B. aufgestellt 2016 von Wissenschaft im Dialog und dem deutschen Bundesverband Hochschulkommunikation. Sie finde sich hier.

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RL #016: Minecrafts‘ Hühnerbeschleuniger und Neugierde in der Wissenschaft

In dieser Reading List beschäftigen wir uns damit, wie Neugierde in der Wissenschaft politisch ist und wie sie für die Wissenschaftskommunikation Standards setzt. Dazu beginnen wir mit dem Computerspiel Minecraft. Die Neugierde gefunden, kommen wir dann zu ein paar Good Reads, die den Zusammenhang von Neugierde, Wissenschaft und Politik, und zu guter Letzt‘ Forscherdrang und Wissenschaftskommunikation thematisieren. Viel Spaß beim lesen!

Motivation ohne Ende: der große Hühnerbeschleuniger

235 Millionen Mal wurde Minecraft verkauft. Öfter als jedes andere Computerspiel auf dieser Welt. Ziel des Spiels ist es Rohstoffe in Würfelform zu kombinieren und daraus Gebäude und Ähnliches zu errichten. Die Spieler:innen bauen Steine und Holz ab, suchen Öl, Feuer und andere Rohstoffe. sie ergründen ein Referenzsystem, das jenem der realen Welt gar nicht unähnlich ist. Tatsächlich gibt es Chemiekurse für Minecraft und die reale Welt. Erlernen Sie Chemie durch das kombinieren von Rohstoffen in Minecraft. Warum nicht?

Der Tag dauert in Minecraft zwanzig Minuten. Die Sonne geht stets im Osten auf. Um die Spielphysik hinter der Kombination von Rohstoffen besser zu verstehen, gibt es von Nutzer:innen erstellte wissenschaftliche Experimente innerhalb von Minecraft. Fünf davon hat Rob Schwarz in einem Blogbeitrag auf Stranger Dimensions zusammengetragen. Der bedeutendste aller Versuche: der große Hühnerbeschleuniger. Ähnlich CERN in der echten Welt, soll der Hühnerbeschleuniger Auskunft über die kleinstmögliche Blockgröße in Minecraft geben.

Screenshot des großen Hühnerbeschleunigers in Minecraft. Zum Video geht’s hier: https://www.youtube.com/watch?v=E0XN00Wy7Rs

Neugierde und das Unerwartete

Was zum Wissen inspiriert, sind die Ergebnisse der Mühen eines Gedankengangs. Und um die Ergebnisse, sowie dahinter stehende Neugierde zu vermitteln, kommt der Kommunikation besonderer Stellenwert zu. Kommunikation ist nämlich die einzige Konstante in einer ansonsten auf Sand gebauten Wissenschaft, argumentiert Nigel Sanitt im Buch Culture, Curiosity and Communication in Scientific Discovery. Die Kommunikation, die Sanitt meint, ist anregend und limitierend zugleich. Denn wer seine Neugierde schlecht kommuniziert sieht sich mit Unverständnis und Verboten konfrontiert. Lassen Sie mich etwas ausholen.

Zur politischen Dimension von Neugierde, konnten Dan M. Kahan et al. in einer 2017 im Political Psychology publizierten Studie nachweisen, dass Informationsverarbeitung die von wissenschaftlicher Neugier getrieben ist, politisch motivierter Informationsverarbeitung entgegenwirkt. Anders gesagt: Menschen mit Forschungsdrang entfernen sich von politischen Narrativen und Stellen diese in Frage. Ihre Ergebnisse sind für die Politik nicht unmittelbar nutzbar. Außerdem: wissenschaftlich neugierige Menschen freuen sich über unerwartete Ergebnisse. Weniger gerne bestätigen Sie den Status Quo.

Nach erfolgreicher Kollision zweier Hühner im Minecraft’schen Teilchenbeschleuniger sind diese verschwunden: weder das für den Hühnertod übliche rohe Huhn oder Brathähnchen bleiben über. Zu sehen sind Federn. Wurden die Hühner zu Energie? War eines der beiden Hühner in seiner Rohstoffkombination ein Antihuhn? Mit dem Bekanntwerden der Resultate zum Experiment beginnt in der Community die Theoriebildung. Die Spielphysik von Minecraft wird in Frage gestellt. Wäre das in einem autoritären Minecraft möglich?

Neugierde in der Wissenschaft

Dass Neugierde in der Wissenschaft Wirkung hat, ist geklärt. Was Neugierde auslöst und wie wir sie nutzbar machen können, nicht. In der Online Ausgabe von Forbes, gibt Diane Hamilton eine Antwort auf die erste der beiden Fragen: Angst, Annahmen, Umwelt und Technik lösen Neugierde aus. Aufschlussreich ist auch ein Podcast der Wharton University mit Astrophysiker Mario Livio: „Curiosity has several kinds or flavors, and they are not driven by the same things.“ Es gibt Neugierde für alles; inspiriert und gefüttert muss sie werden.

Neugierde im Kontext der Wissenschaftskommunikation
Neugierde ist unterschiedlich in Ihrer Form und Ausgeprägtheit. Manchmal wird sie eingeschränkt.

Die Neugierde von Menschen zu unterstützen oder zu unterdrücken ist der Schlüssel zum Erfolg. Wenn wir von Neugierde im Kontext von Wissenschaftskommunikation sprechen, dann bedeutet das empathisch zu kommunizieren, schreibt Elaine Burke. Warum, sollte irgendjemand an Deiner Forschung interessiert sein? Außerdem: setzen Sie, wie in einer früheren Ausgabe dieser Reading List ausgeführt, auf Relatability. Erlauben Sie es Ihrer Zielgruppe Bezug herzustellen.

Ich komme zum Schluss und zurück zu Minecraft. Um zu verstehen wie Neugierde in der Wissenschaft funktioniert, bleibt Minecraft ein Sammelsurium fertiggestellter, abgebrochener und nie begonnener Projekte. Vor zehn Jahren ist es mit dem großen Hühnerbeschleuniger gelungen, Menschen abzuholen und dazu zu inspirieren, die Welt von Minecraft zu hinterfragen. Unabhängig vom Thema, liegt wohl darin das Ziel, mindestens aber der Auftrag guter Wissenschaftskommunikation.

Das Rätsel über die kleinstmögliche Blockgröße in Minecraft wurde nicht gelöst.

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RL #015: Citizen Science – Eine Frage der Kommunikation

In dieser 15. Ausgabe der Oikoplus-Reading-List geht’s um Citizen Science in Theorie und Praxis. Wer hier weiterliest, stößt auf 10 Prinzipien für Citizen Science Projekte und praktische Tipps, sowie theoretische Reflexion über die Bürger:innen-Wissenschaft.

Citizen Science ist einer dieser Begriffe, die neu und innovativ erscheinen, obwohl sie eigentlich ein uraltes Konzept bezeichnen. Nämlich, dass Menschen, die keine Wissenschaftler:innen sind, Forschung betreiben. Das passiert seit jeher und ständig. Und: es gibt prominente historische Beispiele. Als z.B. Wilhelm Herschel im Jahr 1781 den Planeten Uranus entdeckte, war er eigentlich als Orchesterdirektor tätig. Astronomie betrieb er in seiner Freizeit.

Wenn der Begriff Citizen Science heute verwendet wird, oder einer seiner vielen Nachbarbegriffe (community science, crowd science, crowd-sourced science, civic science, volunteer science oder volunteers monitoring), dann liegt oft ein Begriffsverständnis zugrunde, dass sich an einer umfassenden Einführung von Alan Irving aus dem Jahr 1995 orientiert. Einen aktuelleren Überblick über den Citizen Science Begriff und die Potenziale der Bürger:innen-Wissenschaft liefern Rick Bonney et.al. (2009). Noch aktueller ist die umfangreiche Einführung ,Citizen Science – Innovation in Open Science, Society and Policy’ von Susanne Hecker et.al. (2018). Darin enthalten: 10 Prinzipien der Bürger:innen-Wissenschaft.

Frage nicht, was du für die Wissenschaft tun kannst, sondern, was die Wissenschaft für dich tun kann. Oder nicht?

Mit der wachsenden Anzahl an Citizen Science Projekten und wissenschaftlichen Amateur:innen, die sich daran beteiligen, stellen sich natürlich auch wissenschaftsphilosophische und erkenntnistheoretische Fragen. Paul Feyerabend hat sich in den 1970er Jahren mit Wegen, die Wissenschaft der Gesellschaft gegenüber zu öffnen, beschäftigt. Seine Schrift “Erkenntnis für freie Menschen” ist ein lesenswerter Einstieg in Feyerabends Werk. Eine Zusammenfassung samt Kommentar findet sich hier.

Um Feyerabends Verständnis von Citizen Science geht es auch in einem Text von Sarah M. Roe. Sie argumentiert: “Feyerabend teaches us that while the current citizen science movement is primarily focused on what the citizen can do for science and what the citizen can learn from science, the movement should also focus on what science can do for the citizen and what science can learn from the citizen.”

Mobile Apps und Open Source zur Unterstützung von Citizen Science

Doch wenn Sie das hier lesen, wollen sie sich vermutlich nicht bloß theoretisch mit Citizen Science auseinandersetzen, sondern vielleicht praktisch ein Projekt umsetzen. Falls Sie dafür bestimmte wissenschaftliche Proben oder Artefakte sammeln lassen wollen, eignet sich dafür eventuell eine App. Zum Beispiel Sapelli. Sapelli ist das Ergebnis eines britischen Forschungsprojekts und zu einem großen Open Source Projekt angewachsen, dass das kollektive Sammeln wissenschaftlicher Artefakte ermöglicht. Ganz einfach am Smartphone.

Nicht nur die Software zum Sammeln wissenschaftlicher Proben ist einfacher nutzbar und vernetzter geworden. Auch die Hardware ist erschwinglicher. Ein Artikel auf conversavation.com beschreibt, wie Smartphone-Kameras inzwischen dazu genutzt werden, Insektenarten zu dokumentieren. Ebenfalls auf conversation.com beschreibt der australische Ornithologe Hugh Possingham, weshalb er sich eine Gesellschaft wünscht, in der sich möglichst viele Menschen als Amateur-Wissenschaftler:innen engagieren sollen. Sein Argument: “If citizens immerse themselves in gathering knowledge and asking questions, they gain power – and are far more likely to engage in participatory democracy.”

Zurück zur Theorie…und zur Kommunikation von Citizen Science

Etwas kritischer sieht das der schwedische Linguist und Wissenstheoretiker Dick Kasperowski, zum Beispiel in einem Interview aus dem Jahr 2016. Er stellt über Citizen Science fest: “Citizens are only invited to do certain defined tasks like classifying or collecting data. You are not involved in all stages of the research process, even though that might be an ideal or rhetoric put forward. Citizens do very seldom formulate hypotheses or theories, for instance. No one is forced to take part in citizen science, but it has been criticised as a way of getting labour for free. I wonder what Marx would have said about it.” Doch nun wird es schon wieder recht theoretisch. Sorry.

Zum Ende deshalb noch der Hinweis auf eine sehr praktische Publikation. ,Communication in Citizen Science’ von Carina Veeckman und Sarah Talboom (2019) bietet eine weniger theoertische, aber praktische Anleitung zur Entwicklung einer erfolgreichen Kommunikationsstrategie in Citizen Science Projekten. Denn Kommunikation ist der zentrale Schlüssel zu erfolgreicher Bürger:innen-Beteiligung an Forschungsvorhaben.