Categories
Reading List DE

RL #010: Relatability

Kommunikation gelingt, wenn sie Verbindungen erzeugt.

Ich habe wenig Ahnung von Mechanik und Physik war nur für sehr kurze Zeit eines meiner liebsten Schulfächer. Ob ich das Fach mochte, hing immer ganz vom Lehrer ab, und davon, wie gut er es vermittelte. Neulich sah ich ein Youtube-Video, in dem es ausschließlich um Mechanik ging, und zwar um Differentialgetriebe. Und ich fand es großartig. 

Bei dem Video ist es, wie bei den Physiklehrern meiner Schulzeit: Die richtige Vermittlung kann Begeisterung für ein Thema schaffen. Wenn Begeisterung oder zumindest ein gesteigertes Interesse für ein Thema geweckt wird, entsteht eine Verbindung. Und um diese Verbindung, diese Relation, geht es in der Wissenschaftskommunikation. Ihr Ziel sollte sein, Verbindungen zur Wissenschaft herzustellen, also relatable zu kommunizieren. 

Jan Baetens nähert sich dem Konzept der Relatability in einem Beitrag zum Blog der Cultural Studies der Uni Leuven. Der Blog hat übrigens den schönen Claim “Blogging since 1425”. “Something is relatable when it can be retold”, schreibt Baetens, “but that is just the first and oldest meaning of the word. Today, relatable also defines works that someone (a reader, a listener, a spectator) can “relate to”. 

Jenem aktuellen Begriff der Relatability begegnet man meist dort, wo fiktionale Inhalte besprochen werden. Im feuilletonistischen Zusammenhang wurde der Begriff 2014 von Rebecca Mead im New Yorker diskutiert,  und zwar recht kritisch. Mead ist der Ansicht, man könne vom Kulturpublikum ruhig erwarten, dass es eine Verbindung zum präsentierten Inhalt selbst herstelle, und dass die Kritik, etwas sei nicht relatable genug, keine wirklich legitime Kritik an Inhalten sei.

Für die Kunst und die Kritik daran, mag das stimmen. Wissenschaftskommunikation, die für das Publikum nicht relatable ist, hat ihr Ziel verfehlt, könnte man argumentieren.

Wissenschaftskommunikation, die für das Publikum nicht relatable ist, schafft es nicht, die Relevanz eines Themas zu zeigen. Sie schafft es bei ihren Empfängerinnen und Empfängern nicht, das Gefühl auszulösen, vom Thema betroffen zu sein, damit in enger Relation zu stehen. Zum Glück bietet das Internet jede Menge Tipps rund ums Erzeugen von Relatability. Zum Beispiel von Joe Lazauskas auf der Plattform Contently.

Einen ähnlich pragmatischen und kommerziellen Zugang zu Relatability in der Kommunikation(sarbeit) hat ein Beitrag von Ton Dobbe auf seiner Website Value Inspiration. Dobbe arbeitet als “Growth consultant for Tech-Entrepreneurs”. Für ihn geht es beim Schaffen von relatable content um Menschlichkeit. “A good start is to be more human in how we communicate with our ideal target audience. Like we’re having a conversation over a cup of coffee.” Ist das der Ratschlag zum Plauderton? Und ist der in der Wissenschaftskommunikation wirklich hilfreich? Hier und da bestimmt. 

Auch Relatability ist vergänglich. Das findet zumindest Amil Niazi im Hinblick auf die US-Fernsehshow von Ellen DeGeneres in einem Opinion Piece in der New York Times. Die lange sehr erfolgreiche TV-Show wird demnächst eingestellt. Niazi sieht für die schwindene Beliebtheit der Show eine Ursache: “There’s no question, in the end, that Ms. DeGeneres has had an incredibly successful run as an effervescent daily TV presence for many Americans. But she also serves as a reminder that even the most relatable celebrities are still putting on an act, still trying to sell us on an image.” Die Moderatorin sei für ihr Publikum zwar sehr relatable gewesen. Doch ein paar öffentliche Skandale hätten dafür gesorgt, dass die Relationen Risse bekommen haben. In der Kommunikation geht es eben immer auch um Glaubwürdigkeit. 

Das Video über Differentialgetriebe vom Anfang dieses Texts hat mir auf simpelste Weise veranschaulicht, was ein Differentialgetriebe ist, wann es zum Einsatz kommt, wo es eingebaut wird, weshalb es wichtig ist und wie es funktioniert. Um was, wann, wo, weshalb und wie geht es in der Wissenschaftskommunikation ständig. Unterschiedlichen Zielgruppen die richtigen Antworten auf diese Frage zu liefern, darauf kommt es bei Relatability an. Die Texte, die in dieser Reading List verlinkt sind, haben das in meinem Fall geschafft. Sie waren für mich relatable. Ich hoffe, den Leserinnen und Lesern dieser Reading List geht es ähnlich. 

Thomas Stollenwerk

Categories
Reading List DE

RL #009: Was wenn unsere Dinosaurier pelzig waren?

Wer erinnert sich noch an illustrierte Bände über Dinosaurier? Mit ledrig schuppiger Haut blickt ein T-Rex den meist jungen Leser*innen vom Titelbild in die Augen. Das Maul stets geöffnet, so dass die Zähne durchblitzten. Wer sich traute, tiefer in die Welt der Dinosaurier einzutauchen, wurde von eigenartigen Kreaturen überrascht, von denen es hieß, dass sie einst unsere Erde bevölkert haben. Manche der abgebildeten Reptilien ähnelten Delphinen, andere hatten die Gestalt von Vögeln. Sie flogen durch die Lüfte des Bildbands. Besonders gut sind mir die Dinosaurier zu Land in Erinnerung: der Brachiosaurus mit seinem langen Hals, der Stegosaurus mit den vielen Kacheln am Rücken und der Allosaurus als kleiner, flinker Artverwandter des Tyrannosaurus. Knapp 25 Jahre nach meiner ersten Auseinandersetzung mit Dinosauriern, zog neulich ein Meme meine Aufmerksamkeit auf sich. Es fragte: Was, wenn Dinosaurier pelzig waren?

Photo by Mark Chan on Unsplash

Ornitischia: Ausflug in die Paläontologie

Zunächst sei klargestellt: die Idee kuscheliger Dinosaurier ist schon mindestens 20 Jahre alt. 2014 schrieb Riley Black in einem National Geographic Artikel zum Stand der Forschung zu gefederten und pelzigen Dinosauriern, dass die Darstellung ledrig, schuppiger Dinosaurier veraltet sei. Das ist aus Perspektive der Wissenschaftskommunikation interessant.

Bildband: Erkenntnisgewinn oder Kompensation textbasierter Kommunikationsschwäche

Ich kannte Dinosaurier vor allem illustriert, schließlich hatte ich meine Dino-Phase als Kind, das keine langen Texte lesen konnte. Das bringt uns auch zum Dilemma des Bildbandes: Brauchen wir Bilder nur bis wir die Worte kennen, um ein Phänomen zu beschreiben? Hervorragend diskutiert von Nicola Mößner und hier zum Nachhören, erörtert die Philosophin die potentiellen Rollen visueller Darstellungen im Erkenntnisprozess. Für Kinder ist die Frage weniger umstritten: Patricia Sigg argumentiert im online Magazin element-i, dass bei der Betrachtung von Bilderbüchern neben der wissensorientierten Erkenntnis, eine weitere, ästhetische Erkenntnis dazukommt. Die ästhetische Erkenntnis umfasst die sensorische, kognitive, emotionale und soziale Wahrnehmung eines Objekts. Achten Sie auf ihre ästhetische Erkenntnis, wenn sie die hier gesammelten, großartigen Beispiele für beeindruckend illustrierte Wissenschaftsbände durchblättern!

Photo by Amy Baugess on Unsplash

Relationale Wahrheit: Seien wir uns nicht sicher

Ein zweiter Aspekt, den die Forschung über die Fluffigkeit von Dinosauriern ans Tageslicht bringt, betrifft die absolute Wahrheit wissenschaftlicher Aussagen. Wissen ist nicht statisch: es wird geformt und behält Gültigkeit nur in anerkannten Systemen. Inwiefern war es für die Illustratoren meines Bildbandes vorstellbar, einen Dinosaurier im Pelz zu zeichnen, kuschelig weich? Wissenschaft sei mehr Vorstellungskraft als Resultate meint zum Beispiel Tom McLeish im Online Magazin Aeon. Pointierter und kürzer beschreibt Arno Frank im Fluter fünf wahre Einsichten, die ausgehend vom Höhlengleichnis die Relationalität von Wissen und absolute Unwissenheit auch in vermeintlich faktenbasierten Wissenschaften bestätigen. Eventuell fehlten den Illustratoren meines Bildbandes Vorstellungskraft und Wissen, um einen pelzigen, fluffigen Dinosaurier zu ersinnen.

Memes: Nachfragen triggern

Bleibt die Frage, weshalb es ein Meme war, das mich dazu gebracht hat, die Visualisierungen von Dinosauriern aus meiner Kindheit in Frage zu stellen. Die ursprüngliche Definition des Begriffes „Meme“ stammt von Richard Dawkin. In seinem Buch The Selfish Gene bezeichnet Dawkin ein Meme als kulturelles Artefakt, dass sich schnell und unkontrolliert ausbreitet. Inzwischen gibt es reihenweise Forschung und Begleitberichte zur Verwendung von Memes auch im unmittelbaren Kontext von Wissenschaft. Karen R. Resendes beschreibt auf ASBMBToday wie ihre Studierenden im Biologiekurs begannen, in Memes zu kommunizieren. Lars Guenther und Kolleg*innen hingegen reflektieren in „Facts, Opinions, and Scientific Memes“, inwiefern Memes eine effiziente Methode zur Bekämpfung alternativer Fakten darstellen. Und wie Memes in der Kommunikation von Wissen im Detail funktionieren könnte, zeigen Diana K. Riser, Stephanie D. Clarke und Allison N. Stallwort in „Scientific Memes: Using the Language of Social Media to Improve Scientific Literacy and Communication Lifespan Development”.

Photo by Elizabeth Pishal on Unsplash

Das fluffige Dinosaurier-Meme hat jedenfalls seinen Dienst getan. Es hat mich gezwungen nachzusehen und meine eigene Imagination von Erkenntnissen und Wissen aus dem Fachbereich der Paläontologie zu relativieren. Es hat mich dazu bewegt, mich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Wenn Meme’s das Erzielen, sollten wir sie nutzen. Wie? Inspiration gibt’s unter anderem auf Pinterest.

Categories
Reading List DE

RL #009: What if our dinosaurs were fluffy?

Who remembers illustrated volumes about dinosaurs? With leathery, peely skin, a T-Rex gazes into the eyes of the mostly young readers from the cover picture. With its jaw slightly open, teeth gleaming through. Those who dared to immerse themselves in the world of dinosaurs were surprised by unique creatures that once populated our planet. Some of the reptiles depicted resembled dolphins, others had the shape of birds. They flew through the volumes’ air. I particularly remember the dinosaurs on land: the Brachiosaurus with its long neck, the Stegosaurus with the many tiles on its back and the Allosaurus as a small, nimble relative of the Tyrannosaurus. About 25 years after my first encounter with dinosaurs, a meme caught my attention the other day. It asked: What if dinosaurs were fluffy?

Photo by Mark Chan on Unsplash
Photo by Mark Chan on Unsplash

Ornitischia: Excursion into palaeontology

First of all, let’s be clear: the idea of cuddly dinosaurs is already at least 20 years old. In 2014, Riley Black wrote an National Geographics article on the state of research on feathered and furry dinosaurs and concludes that the depiction of leathery, scaly dinosaurs is outdated. As an example, he cites the group of Ornitischia. This is interesting from a science communication perspective.

Illustrated volumes: gaining knowledge or compensating for text-based communication weaknesses.

I knew dinosaurs mainly illustrated, after all I had my dinosaur phase as a child who couldn’t read long texts. Which brings us to the dilemma of the picture book: Do we need pictures only until we know the words to describe a phenomenon? Superbly discussed by Nicola Mößner and available to listen to here (in German), the philosopher discusses the role visual representations can play in the process of cognition. For children who lack vocabulary, the question is less controversial: in the online magazine element-i, Patricia Sigg argues (in German) that when looking at picture books, there is another, aesthetic cognition in addition to the knowledge-oriented cognition. It includes the sensory, cognitive, emotional, and social perception of an object. Be mindful of your aesthetic cognition when browsing the great examples of stunningly illustrated science books collected here!

Photo by Amy Baugess on Unsplash

Relational truth: Let’s be unsure

A second aspect that research on the fluffiness of dinosaurs brings to light concerns the absolute truth of scientific statements. Knowledge isn’t static: it is formed and retains validity in recognised systems only. Was it possible for the illustrators of my book to draw of a dinosaur in fur? Soft and cuddly? In the online magazine Aeon, Tom McLeish, for instance, says that science is more about imagination than results. Arno Frank offers a pointed description of five true insights in the Fluter (in German), which, starting from the equation of altitude, confirm the relationality of knowledge and absolute ignorance even in supposedly fact-based sciences. Possibly the illustrators of my illustrated volume were lacking the imagination and knowledge to conceive of a furry, fluffy dinosaur at the time they created the drawings.

Memes: Triggering enquiries

So the question that remains is why it was a meme that made me question my childhood visualisations of dinosaurs. The original definition of the term „meme“ comes from Richard Dawkin. In his book The Selfish Gene, Dawkin describes a meme as a cultural artefact that spreads rapidly and uncontrollably. Meanwhile, several research papers and reports have been published on the use of memes in the immediate context of science. On ASBMBToday, Karen R. Resendes describes how her biology students began to communicate in memes and built up a common knowledge base. In „Facts, Opinions, and Scientific Memes“ Lars Guenther et al. explore how memes offer an efficient tool for combating alternative facts. Diana K. Riser, Stephanie D. Clarke and Allison N. Stallwort show how memes could work in the communication of knowledge in detail. Unfortunately, their article is hidden behind a paywall.

Photo by Elizabeth Pishal on Unsplash

Anyhow, the fluffy dinosaur meme did its job. It forced me to look and put into perspective my own imagination of findings and knowledge in the field of palaeontology. It made me look into the subject. If memes achieve that, we should use them. How? Inspiration can be found on Pinterest, among other places.

Categories
Nicht kategorisiert Reading List DE

RL #008: Mehr Werkzeuge, weniger Grenzen: ein Blick in die Zukunft der Wissenschafts-kommunikation

„Holt euch einen Tee, Freunde der Sonne, macht es euch gemütlich – Zeit für Science!“ Damit wirbt der deutsche  YouTube-Kanal Mailab für Themen aus Bereichen der Natur- und Gesellschaftswissenschaften. Mit Erfolg: Mailab hatte im Juni 2021 1,3 Millionen Abonnent*innen erreicht. Von der Frage, was Netflix über uns weiß und welche Fakten zum Klimawandel belegt sind, bis zur Wirkung von Kurkuma auf den menschlichen Organismus: so wie in der Wissenschaft ist für Mailab keine Frage zu klein oder zu groß, zu komplex oder zu einfach. Witzig, evidenzbasiert, anregend und präzise erzählt: der Kanal ist nur eines von vielen zukunftsweisenden Beispielen dafür, wie Wissenschaft breit und sinnvoll wirken kann. Wie wird sich die Wissenschaftskommunikation weiter entwickeln? Welche Trends und Perspektiven zeichnen sich ab? In welche Richtung kann und soll es gehen?

Social Media als akademische Non-Stop -Tagung

Beginnen wir mit dem offensichtlichsten: den Möglichkeiten, die durch soziale Medien entstehen und noch entstehen werden. In einem Artikel in Nature beschreibt es der Wissenschaftskommunikator Jens Foell so: „Social media science communication is a nonstop academic conference for all“. Die These: Wissenschaftskommunikation in sozialen Medien erfüllt heute alle Funktionen von klassischen akademischen Tagungen. Die bieten einen Rahmen für schnelle Kommunikation und Austausch, sind wichtige Knotenpunkte für soziale Interaktionen, wobei unter den Forscher*innen oft lebenslange Freundschaften und professionelle Kooperationen entstehen, und dienen Wissenschaftsjournalist*innen dazu, sich über die neuesten Entwicklungen zu informieren und der breiten Öffentlichkeit darüber zu berichten. Heute posten Forscher*innen Laborgeräte auf Instagram, Methoden-Tutorials auf YouTube, Kommentare auf Twitter. Sie beantworten Fragen auf ResearchGate und fassen ihre Ergebnisse auf TikTok zusammen. Das gesamte Spektrum des persönlichen und fachlichen wissenschaftlichen Austauschs, der sonst auf akademischen Konferenzen stattfindet, hätte sich online entwickelt, so Foell. Mit einem markanten Unterschied: Die Öffentlichkeit, die traditionell von wissenschaftlichen Tagungen ausgeschlossen ist, hört, liest und schaut mit. Und nicht nur das: Da die sozialen Medien darauf ausgelegt sind, Interaktion zu ermöglichen, kommentieren viele der Zuhörer*innen und stellen Fragen.

Bewerten, vergleichen, eigene Inhalte generieren

Wer der Sache wissenschaftlich fundiert näher kommen will: In der aktuellen Ausgabe des Journal of Science Communication (Volume 20, 2021) gehen die Kommunikationsforscherin Monika Taddicken und die Sozialpsychologin Nicole Krämer der Frage nach, wie Laien über Online-Medien mit wissenschaftlichen Informationen in Kontakt treten. In ihrem Paper “Public online engagement with science information: on the road to a theoretical framework and a future research agenda“ beschreiben sie, wie Internettechnologien und insbesondere soziale Medien die Wissenschaftskommunikation drastisch verändert haben. Die Öffentlichkeit konsumiert nicht mehr nur wissenschaftsbezogene Informationen, sondern beteiligt sich aktiv (z. B. durch Bewertung und Verbreitung) und generiert ihre eigenen Inhalte. Gleichzeitig sind Wissenschaftler*innen nicht mehr von Journalist*innen als Gatekeeper für die Verbreitung relevanter Informationen abhängig. Das Paper reflektiert relevante theoretische Stränge, und diskutiert eine neue Wissensordnung samt Akteur*innen. Einer, der Video als wichtigstes visuelles Kommunikationsmittel der Zukunft sieht, ist der US-amerikanische Agrarforscher Eric B. Brennan.  Sein Artikel „Why Should Scientists be on YouTube? It’s all About Bamboo, Oil and Ice Cream“bietet Antworten auf praktische Fragen und eine Reflektion dazu, warum es sich auszahlt, wenn Forscher*innen sich zu Videograph*innen ausbilden – unter anderem um die eigene Kommunikationsfähigkeit zu verbessern und Fehlinformationen zu reduzieren. Ein wissenschaftlicher DIY-YouTuber zu werden, kann aus diesem Blickwinkel eine unterhaltsame, kreative, lohnende und erfüllende Tätigkeit sein, die auch viele Aspekte der Karriere eines Wissenschaftlers, einer Wissenschafterin verbessern kann.

Von brennenden Häusern und der Arbeit nah an den Menschen: neue Werte und Dialogformen

Was sich in vielen der Youtube-Videos jenseits der schlauen „Sendung mit der Maus“- Vermittlung  auch zeigt, ist die stärker werdende soziale Eingebundenheit der Wissensproduktion und ihrer Vermittlung. In ihrem soeben erschienen Buch „Getting to the Heart of Science Communication: A Guide to Effective Engagement“erzählt die Klimaforscherin Faith Kearns dazu eine im doppelten Sinne brenzlige Geschichte:  Bei einem Gemeindefeuerwehrtag in einer nordkalifornischen Stadt hielt die Autorin einen Vortrag über den Bau brandsicherer Häuser, die den immer häufiger auftretenden Waldbränden standhalten können. Dabei wurde sie mit einer Zuhörerin im Publikum konfrontiert, deren Haus kürzlich abgebrannt war. Wie Kearns finden sich Wissenschaftler*innen, die an kontroversen Themen arbeiten – vom Klimawandel über Dürre bis hin zu COVID-19 -, immer häufiger inmitten von zutiefst traumatisierenden oder polarisierenden Konflikten wieder. Sie müssen nicht nur Expert*innen in ihrem Fachgebiet sein, sondern auch im Umgang mit den Gedanken, Gefühlen und Meinungen der Öffentlichkeit, mit der sie zu tun haben. Ihre Werkzeuge für Kommunikation: Zuhören, Arbeit mit Konflikten und Verständnis für Trauma, Verlust und Heilung. Sie schließt das Buch mit einer Diskussion über Vielfalt, Gleichberechtigung und Inklusion in der Wissenschaftskommunikation ab.

Ein Blick in die Vergangenheit hilft dabei, Perspektiven für die Zukunft zu entwickeln: in seinem Beitrag  „Wissenschaft als Belehrung“ geht der österreichische Biologe und Sozialwissenschafter Franz Seifert der Frage nach, welche Wandlungen das Verständnis von Wissenschaftskommunikation in den letzten Jahrzehnten durchgemacht hat. Er spannt den Bogen vom einflussreichen „Bodmer Report“, herausgegeben von der ehrwürdigen Royal Society Mitte der 1980er Jahre in Großbritannien, der erstmals den von den Forschungseliten beklagten Verfall wissenschaftlicher Autorität zum gesellschaftspolitischen Problem erklärte, über das Defizitmodell – die Menschen wüssten nicht genug im Sinne von fehlender Information – bis zur Metapher des „Dialogs auf Augenhöhe“, die in den 2000er Jahren neue Benimmregeln für die Wissenschaft mit sich brachte: nämlich Besserwisserei und Überlegenheitsdünkel abzulegen und nicht nur ehrlich zu sprechen, sondern auch ehrlich zuzuhören. Conclusio: Informationsmangel sei nicht das Problem, vielmehr geht es in Zukunft darum,  das Reflexions- und Urteilsvermögen zu stärken.

Es wird also auch in Zukunft für Wissenschaftskommunikator*innen um viel mehr gehen geht also um mehr als informieren, beraten und vermarkten. Für die neuen Herausforderungen braucht es ein unterstützendes institutionelles Umfeld – oder, wie es die deutsche Denkfabrik  #FactoryWisskomm nennt: eine wisskomm-freundliche Kultur. Wie sich die aufbauen lässt, dazu haben 150 Teilnehmer*innen in den letzten Monaten gearbeitet und neue Ideen und Werkzeugen entwickelt. Am 23. Juni 2021 werden die Empfehlungen der Öffentlichkeit vorgestellt. Die Veranstaltung aus dem Sauriersaal des Museums für Naturkunde Berlin wird per Livestream übertragen.

Aus unseren Projekten

Eine Kernbotschaft aus dem Projekt ArcheoDanube, an dem Oikoplus gemeinsam mit dem Verein Sustainication e.V. beteiligt ist: die lokale Bevölkerung in die Entwicklung archäologischer Stätten zu integrieren. Nach einer erfolgreichen Konferenz mit Teilnehmer*innen aus 12 Ländern geht es jetzt um die Umsetzung der innovativen Ansätze des Projekts. Mehr dazu und einen Überblick über die beteiligten archäologischen Stätten gibt es im aktuellen Projekt-Newsletter.  


Im Projekt SYNCITY ist die Toolbox „Transform – Urban Governance in Action mit Hands-On Ideen und Inspiration für partizipative und nachhaltige Stadterneuerung jetzt fertig. Wir haben den Produktionsprozess geleitet, sie redaktionell bearbeitet, und Texte und Visuals beigetragen. Mehr zu der Publikation hier.  *Am 21. Juni organisieren wir in Kooperation mit Oikodrom – The Vienna Institute for Urban Sustainability rund um die Toolbox eine Online Exchange Conference, das genaue Programm ist hier zu finden  Wir freuen uns auf Austausch und Inspiration!

Im Horizon 2020 Projekt EnergyMEASURES, in dem wir betroffenen Haushalten dabei helfen, aus der ,Energiearmut’ zu entkommen, gibt’s ebenfalls Neues. Auf der Projekt-Website und den Social Media Channels des Projekts, die von Oikoplus betreut werden, liefern wir regelmäßige Updates rund um das Thema Energieverbrauch im Haushalt. In Interviews mit Expertinnen und Experten erkunden wir Wege, Haushalte in Europa beim effizienten Nutzen von Energie zu unterstützen. Neuigkeiten finden sich unter energymeasures.eu.

Categories
Nicht kategorisiert Reading List DE

RL #007: Zu komplex vs. zu banal – Wie lässt sich Wissenschaft verständlich kommunizieren?

Im Nachruf auf einen Feuilleton-Journalisten war einmal zu lesen, dass der gerade Verstorbene als junger Autor die Aufgabe hatte, ein philosophisches Werk zu rezensieren. Sein Ressortchef habe damals die fertige Rezension gelesen und gesagt: „Wunderbar. Aber schreiben sie es doch bitte so, dass diese philosophischen Gedanken jeder versteht.“ Darauf soll der junge Journalist geantwortet haben: „Das kann ich machen. Aber dann sind es keine philosophischen Gedanken mehr.“ Eine schöne Anekdote. Für die Einen illustriert sie den Bildungsdünkel junger Geisteswissenschaftler, für die Anderen bringt sie genau auf den Punkt, was das Schwierige an der Kommunikation komplexer Inhalte ist: Nämlich, dass sie nicht immer jedem verständlich zu machen sind, ohne sie zu banalisieren. Dieses Problem stellt sich gerade in der Wissenschaftskommunikation ständig – aber auch in anderen Bereichen.

Das Problem kennen viele Journalisten, Texter und Pressearbeiter. Den Mittelweg aus fachlicher Komplexität, sachlicher Angemessenheit und Lesbarkeit zu treffen, ist nicht leicht. Wenn es um das Vermitteln komplexer Inhalte geht, lassen sich klare Aussagen wunderbar hinter komplexen Sätzen und Fremdwörtern verstecken. Und manchmal werden komplexe Formulierungen auch genutzt, um zu verschleiern, dass es eigentlich um Gemeinplätze geht – nur eben in wissenschaftlichem Kontext. „Und doch ist nichts leichter, als so zu schreiben, daß kein Mensch es versteht; wie hingegen nichts schwerer, als bedeutende Gedanken so auszudrücken, daß Jeder sie verstehn muß.“ wusste Arthur Schopenhauer über Schriftstellerei und Stil.

Wie das gelingen kann, zeigen heute, eineinhalb Jahrhunderte später, eine Reihe von YouTube-Kanälen, die sich der Kommunikation komplexer, wissenschaftlicher Inhalte widmen. Forschung & Lehre hat einige der besten deutschsprachigen YouTube-Kanäle zur Wissenschaftskommunikation zusammengestellt: „Faktenbasiert, kurzweilig und leicht verständlich arbeiten darin diverse YouTuber erfolgreich ernste Wissenschaftsthemen für die breite Öffentlichkeit auf.”

Dass Wissenschaft überhaupt dazu angehalten ist, ihre Inhalte verständlich zu vermitteln, ist keine Selbstverständlichkeit und historisch betrachtet ein eher junges Phänomen. Erst seit der Jahrtausendwende werde verstärkt über die Öffentlichkeit der Wissenschaft diskutiert, schreibt Stefan Bauernschmidt in einem lesenswerten Beitrag Zur Kartierung zentraler Begriffe in der Wissenschaftskommunikationswissenschaft. „Dies verläuft in etwa parallel zur großangelegten Verlagerung von einem Public Understanding of Science (PUS) zu einem Public Engagement in Science (PES). Es ist eine Vergesellschaftung der Wissenschaft, die mit dem Begriff der Öffentlichen Wissenschaft einhergeht . Mit diesem wird darauf Bezug genommen, Bürger an Auseinandersetzungen über strittige Forschungs- und Technisierungsprojekte oder sogar am Forschungsprozess selbst aktiv zu beteiligen .“ Wissenschaft zu kommunizieren wird danach zur demokratierelevanten Aufgabe.

Das Verhältnis von Demokratie und Wissenschaft beschreibt Michael Hagner, Professor für Wissenschaftsforschung an der ETH Zürich in einem Beitrag für Forschung & Lehre als „sich ergänzend”. „Für das Verhältnis von Wissenschaft und Demokratie ist viel gewonnen, wenn sich in den Wissenschaften die Erkenntnis durchsetzt, dass es nicht nur eine esoterische und exoterische Kommunikation gibt, sondern dass es auch in der öffentlichen Kommunikation unterschiedliche Rollen gibt. Esoterische und Exoterische Wissenschaftskommunikation wissen möchte, findet den Beitrag hier.

Wer es eine Spur praktischer mag, dem liefert möglicherweise ein Artikel aus National Geographic ein wenig Inspiration, die Wissenschaftskommunikation mit Humor anzureichern. Es wird darin über eine Studie berichtet, die zeigt, dass die Witze in amerikanischen Late Night Shows durchaus zur Verbreitung von Wissen über Themen wie die Wirkung von Impfungen oder den Klimawandel beitragen können. Die Komplexität von Wissenschaft können allerdings auch die besten Witze nicht auflösen. „Wissenschaft ist komplex. Dies in wenigen Minuten zu vermitteln und dabei Witze zu reißen, kann eine Herausforderung darstellen. Im besten Fall ermutigt Satire die Zuschauer nicht nur dazu, sich mit wissenschaftlichen Themen zu befassen, sondern auch kritisch darüber nachzudenken.”

Damit sich möglichst viele Interessierte mit Wissenschaft überhaupt befassen können, muss nicht die Wissenschaft ihrer Komplexität beraubt werden. Die Sprache, in der man über Wissenschaft spricht, kann man allerdings so wenig komplex wie möglich gestalten. Das Netzwerk Leichte Sprache nimmt sich dieses Themas an und hat eine nützliche Sammlung von Regeln für leichte Sprache erstellt.

Categories
Reading List DE

RL #006: Können wir das messbar machen? Das Wirken sozialwissenschaftlicher Forschung

Forschung wird gefördert, wenn sie gesellschaftlich relevant ist. Das ist der Zeitgeist. Schon bevor die ersten Ausschreibungen für Forschungsförderungen im Kontext des EU Rahmenprogramms von HorizonEurope überhaupt  veröffentlicht wurden ist klar, dass die von den Wissenschafter*innen vorgebrachten Forschungsvorhaben wirkmächtig zu sein haben. Die von der EU geförderten Forschung soll sozialen und ökonomischen Impact haben und wissenschaftlich exzellent sein. Eine eierlegende Wollmilchsau.

Die Beiträge in dieser Reading List setzen sich damit auseinander, wie vor allem qualitativ sozialwissenschaftliche Methoden nachweislich wirkmächtig werden. Weil sie per Definition an der Tiefe und nicht in der Breite interessiert sind, fällt es ihnen nämlich besonders schwer Ergebnisse zu quantifizieren und messbare Wirkmächtigkeit zu argumentieren. 

Wirkmächtigkeit bezeichnet zunächst einen Stoß oder Impuls. Im Mittelpunkt steht die Auswirkung. Dieser Anstoß mit Auswirkung kann im Rahmen einer sozialwissenschaftlichen Forschung geschehen und ist dort Teil des Selbstverständnisses geworden. So argumentiert die Redaktion des SOWI Impact Blog der Universität Wien, dass sozialwissenschaftliche Forschung nicht nur Wissen über, sondern vor allem auch für und mit der Gesellschaft produziert. Partizipative Methoden, Forschen auf Augenhöhe und Reflexivität sind vielgenannte Stichworte in der Szene. Auf dem SOWI Impact Blog finden sich eine Reihe an Best Practice Beispielen, die den Impact aufzeigen, ohne die unmittelbare Messbarkeit in den Vordergrund zu stellen.

Messen was passiert: Interaktion und Zusammentreffen

Entgegen dem Ansatz der Universität Wien rücken Wiljan van den Acker und Jack Sapper die Messbarkeit sozialer Wirkungsmächtigkeit für die sozialwissenschaftliche Forschung in den Vordergrund. In ”Productive Interactions: Societal Impact of Academic Research in the Knowledge Society“ argumentieren die Autoren, Wirkmächtigkeit sei das Resultat dynamischer und offener Netzwerkprozesse mit Engagement. Sie entsagen mit der Offenheit der Netzwerke zwar einer linearen Wirkmächtigkeit, wie sie in der Ökonomie bekannt ist, legen aber doch nahe, stellvertretend für Netzwerkknoten Meetings und deren Teilnehmer*innen zu zählen. Aber ist das der Weisheit letzter Schluss?

Zwölf Pfade zur Wirkmächtigkeit

Das Zählen von Meetings und Interaktionen zum Darstellen der Wirkungsmächtigkeit von Forschung überzeugt Reetta Muhonen und ihre Kolleg*innen nicht. Im frisch erschienenen Paper „From Productive Interactions to Impact Pathways“ entwickeln die Autor*innen daher zwölf Typologien von Impact Pathways, die die Voraussetzungen für und die Art der Interaktionen jeweils so in den Vordergrund rücken, dass der Impact selbst ein Ziel hat. Die Interaktion ist der Startpunkt, der soziale Mehrwert das Ziel. Neue Produktionsprozesse, Verhaltensänderung oder neue Argumentationslinien sind Ziele, die außerdem nicht erst am Ende der Forschung erreicht werden. Sich zu verdeutlichen, dass Wirkmächtigkeit konkret und zielgerichtet ist, hilft beim Schreiben von Forschungsanträgen und beim Formulieren angestrebter (Zwischen-)Ergebnisse.

Indikatoren für Wirkmächtigkeit? Phu…

Angewandter stellen sich Elena Louder und ihre Kolleg*innen in einem Artikel veröffentlicht auf dem Impact Blog der London School of Economics die Frage, welche Indikatoren für das Messen von Wirkmächtigkeit in den Sozialwissenschaften Sinn machen. In ihrem Blogpost geben die Autor*innen vier Prinzipien für die Wahl der Rahmenbedingungen und Indikatoren für das Bestimmen von Wirkmächtigkeit sozialwissenschaftlicher Forschung an: die Relevanz von Veränderung im Forschungskontext, die zeitliche Dimension und Art der Wirkmächtigkeit während einer Forschung, die Kapazität, unerwartete Wirkungen einer Forschung aufnehmen zu können, und den Detailgrad wahrgenommener Wirkung. Diese und andere Aspekte sollten auch in Kapiteln rund um die erwartete Wirkmächtigkeit und die Maßnahmen zur Steigerung von Wirkmächtigkeit vorkommen.

Wirkung ja – aber nicht um jeden Preis!

Zu guter Letzt gibt es aber auch eine ganze Reihe an Gründen, sich gar nicht erst weiter mit dem Thema auseinanderzusetzen. Mary K. Gugerty und Dean Karlan argumentieren jedenfalls auf dem Open Access Blog der Northwestern University, dass eine Vielzahl an (Social Innovation) Projekten ohnehin nicht die richtigen Werkzeuge, den richtigen Zeitpunkt oder die notwendigen Ressourcen haben, um die eigene Wirkmächtigkeit in einem Rahmen zu erheben, der für das Projekt selbst, geschweige denn für den Fördergeber einen Mehrwert erzielt. Ein etwas fatalistischer Ansatz, der den Sinn und den Mehrwert unmittelbar wirksamer Wirkmächtigkeit in sozialen Innovationsprojekten in Frage stellt. Was wir von diesem Beitrag lernen können? Unterschätzen Sie den personellen und eventuell auch technischen Aufwand nicht!

Aus unseren Projekten

Im Projekt ArcheoDanube, an dem Oikoplus gemeinsam mit dem Verein Sustainication e.V. beteiligt ist, arbeiten wir aktuell an Empfehlungen für die Gestaltung Archäologischer Parks. Mehr Infos hier

Im Projekt SYNCITY geht unsere Urban Innovation Toolbox in die Produktion. Infos zum Projekt finden sie auf unserer Projekt Website und den Cureghem Tales

Im Projekt EnergyMEASURES konnten die pandemie-bedingten Hürden hinblicklich dem in Kontakt treten mit Haushalten überwunden werden. Daten werden gesammelt und auch die Kommunikationsarbeit hat an Fahrt aufgenommen. Hier erfahren Sie mehr über das Projekt.