Categories
Reading List

RL #005: Science Fiction, Ficta, Science-in-Fiction: Nützt Fiktionalisierung der Wissenschaftskommunikation?

Kann Fiktionalisierung helfen, Wissenschaft zu kommunizieren? Um die Antwort, die wir hier liefern, abzukürzen: Ja, Fiktionalisierung kann der Wissenschaft dabei helfen, ihre Inhalte und Ergebnisse der Gesellschaft zu kommunizieren. Allerdings ist es nicht ganz einfach, Fiktion dazu sinnvoll einzusetzen.

Dabei hat die Fiktionalisierung eigentlich ihren festen Platz in der Wissenschaft. Als Beispiel, zum Beispiel. Das Höhlengleichnis, Schrödingers Katze, Newtons Apfel – alles Fiktionalisierungen wissenschaftlichen Denkens. Beispiele helfen zu verstehen – indem sie Abstraktes konkret machen und Theoretisches praktisch. Ein gut gewähltes Beispiel, das eine komplexe wissenschaftliche Theorie auflockert, hilft, das Verständnis zu erhöhen. Und es bestätigt die Lesenden in ihrem Textverständnis. Oder auch nicht. Jedenfalls helfen Beispiele, Wissenschaft verständlich zu machen. Und damit dienen sie der Wissenschaftskommunikation.

Wieso betreibt man noch einmal Wissenschaftskommunikation? Die Gründe, Wissenschaftskommunikation zu betreiben, hat der Neurowissenschaftler David M. Eagleman vor Jahren in einem Manifest zusammengetragen. Sechs Gründe identifiziert Eagleman. Die Öffentlichkeit durch spannende, wissenschaftsnahe Fiktion zu unterhalten, ist nicht darunter. Und trotzdem kann Fiktion helfen, ein breites Publikum für Wissenschaft zu begeistern.

Die Meeresbiologin Antje Boetius ist davon überzeugt. Im oft sehr hörenswerten (deutschsprachigen) Podcast „Das Interview” des Berliner Journalisten Philip Banse erklärte sie im Januar, welche Bedeutung fiktionale Unterhaltungsliteratur für die Kommunikation von Wissenschaft haben kann. Ganz konkret machte sie das für ihr Fachgebiet, die Gashydrate der Tiefsee, am Beispiel des Weltbestsellers „Der Schwarm“ des deutschen Autors Frank Schätzing von 2004 deutlich: „Ich weiß gar nicht, ob es überhaupt jemals einen zweiten Bestseller gegeben hat, der die Menschen so mit den Prinzipien des Ozeans und der Gashydrate vertraut gemacht hat. Natürlich war darin viel Action und Romanhaftes. Aber Frank Schätzing, den ich gut kenne, hat unheimlich viel Arbeit in Recherche gesteckt und viele kleine Geschichten, die wahr sind, also Ozeanprozesse, zusammengeknüpft. Dabei entstand natürlich auch Unwahres, zum Beispiel, dass es intelligente, schleimige, blau leuchtende Einzeller gibt, die die Welt regieren und die Wale dazu bringen können, Menschen niederzumachen. Aber nichtsdestotrotz sind viele Einzelbeobachtungen echt. Was der Roman erzeugt hat, war ein breites Verständnis von Gashydraten im Ozean. Das hat ja sogar wirklich dazu geführt, dass Menschen vor der Tsunamiwelle damals in Südostasien gerettet wurden, weil sie den Roman gelesen hatten und wussten, wie es aussieht, wenn ein Tsunami kommt. Das ist einfach grandios. Ich würde als Wissenschaftlerin nie auf fiktive Literatur oder Filme herabblicken, sondern im Gegenteil: Uns Wissenschaftlern fällt es ja oft wirklich schwer, ein Breitenwissen zu erzeugen. So ein Abenteuerroman – wenn er sich Mühe gibt und die Fakten gut zusammenbaut – kann das erzeugen.”

Science Fiction

Wer sich der Frage nach dem Verhältnis von Gesellschaft, Wissenschat und Fiktion einmal grundlegender annähern möchte, dem sei ein Text von Jan Arendt Fuhse empfohlen, der sich mit Science Fiction als Kritische Theorie beschäftigt.

Ficta

Im Jahr 2006 hat der dänische Biologe, Soziokybernetiker und Cybersemiotiker Søren Brier ausführlich mit dem Einsatz von Fiktionalisierung in der populären Wissenschaftskommunikation als Antwort auf die sich verändernden Anforderungen an die Wissenschaftskommunikation in den Massenmedien beschäftigt. Er untersuchte fiktionale Literatur mit wissenschaftlichem Kern anhand des Romans Jurassic Park von Michael Crichton und prägte gleich einen eigenen Begriff für populäre Literatur, in der es um Wissenschaft geht: Ficta. Der Begriff hat sich allerdings nicht wirklich durchgesetzt.

In dieses Genre fallen könnte auch die Crime-Serie CSI in der es um die Arbeit von Tatort-Forensikern geht. Mit den Auswirkungen der Rezeption der Darstellung von Forensik in der Serie auf die Rezeption des wissenschaftlichen Fachs der Forensik beschäftigten sich die Psychologen Michael Saks und Nickolas Schweizer: Sie stellten fest: Populäre Fiktion über die forensische Wissenschaft beeinflusst die Erwartungen der Öffentlichkeit an die reale forensische Wissenschaft. Diesen Zusammenhang benannten sie als CSI-Effekt. 

Science-in-Fiction

Nun sind Der Schwarm, Jurassic Park, CSI und viele andere Werke der klassischen Science Fiction keine Formate der Wissenschaftskommunikation, die sich der unterhaltsamen Fiktionalisierung bedienen, sondern unterhaltsame Fiktionen, die sich wissenschaftlicher Motive bedienen. Es gibt jedoch auch Fiktionen, die ganz gezielt auf die Vermittlung von Wissenschaft zielen. Carl Djerassi war hochdekorierter Chemiker, bevor er zum Romanautor wurde. Seinen Weg vom Wissenschaftler zum Romancier und den Unterschied zwischen Science Fiktion und Science-in-Fiction beschreibt er auf dem auf scienceblog.at: „Ich beschloß etwas zu unternehmen, um einem breiteren Publikum die Kultur der Naturwissenschaften nahezubringen, und zwar mit einem Genre dem ich kurze Zeit später den Namen Science-in-Fiction gab. Für mich fällt ein literarischer Text nur dann in dieses Genre, wenn die darin beschriebenen Vorgänge allesamt plausibel sind.

Für die Science-Fiction gelten diese Einschränkungen nicht. Damit will ich keinesfalls andeuten, daß die naturwissenschaftlichen Fantasieprodukte in der Science-Fiction unangebracht wären. Aber, wenn man die freie Erfindung wirklich dazu nutzen will, um einer wissenschaftlich unbeleckten Öffentlichkeit unbemerkt wissenschaftliche Fakten zu Bewußtsein zu bringen – eine Art Schmuggel, den ich intellektuell und gesellschaftlich für nützlich halte – dann ist es ausschlaggebend, die zugrundeliegenden wissenschaftlichen Fakten exakt wiederzugeben.“

Um ganz bewusst erzeugte Begegnungen zwischen Wissenschaft und Fiktion bemüht sich auch das Projekt „Fiction meets Science“ von Volkswagen-Stiftung, Universität Bremen, Hanse-Wissenschaftskolleg und Universität Oldenburg. Und auch ein Blick ins Archiv des jährlichen Berliner Digitalfestivals re:publica lohnt sich, wenn es darum geht die Grenzen Zwischen Wissenschaft und Fiktion, zwischen verschiedenen Wahrnehmungsformen auszuloten. Im Jahr 2017 sprachen Joachim Haupt und Wenzel Mehnert von der Universität der Bildenden Künste Berlin über Business Science – Fictionalized. Der Vortrag ist bei Youtube zu sehen.

Categories
Reading List

RL #005: Science Fiction, Ficta, Science-in-Fiction: Does Fictionalization Benefit Science Communication?

Can fictionalization help communicate science? To abbreviate the answer we provide here: Yes, fictionalization can help science communicate its content and results to society. However, using fiction to do so in a meaningful way is not straightforward.

Fictionalization actually has a firm place in science: the example. The Allegory of the Cave, Schrödinger’s cat, Newton’s apple – they’re all fictionalizations of scientific thinking. Examples help to understand – by making abstract things concrete and theoretical things practical. A well-chosen example that breaks down a complex scientific theory helps increase understanding. And it confirms the reader’s understanding of the text. Or not. In any case, examples help to make science understandable. And thus they serve science communication.

Why do science communication again? David M. Eagleman, a neuroscientist, compiled the reasons to do science communication in a manifesto years ago. Six reasons Eagleman identifies. Entertaining the public through exciting, science-related fiction is not one of them. And yet fiction can help get a broad audience excited about science.

Antje Boetius, a marine biologist, is convinced of this. In January, in the often very listenable (German-language) podcast “Das Interview” by Philip Banse, a Berlin based journalist, she explained the importance that fictional entertainment literature can have for communicating science. In concrete terms, she made this clear for her field of expertise, the gas hydrates of the deep sea, using the example of the 2004 global bestseller “The Swarm” by German author Frank Schätzing: “I don’t even know if there has ever been a second bestseller that has familiarized people with the principles of the ocean and gas hydrates in such a way. Of course, there was a lot of action and novelistic stuff in it. But Frank Schätzing, whom I know well, put an incredible amount of work into research and tied together many little stories that were true, that is, ocean processes. In the process, of course, some untruths emerged, for example, that there are intelligent, slimy, blue-glowing single-celled creatures that rule the world and can get whales to mow people down. But nonetheless, many individual observations are genuine. What the novel generated was a broad understanding of gas hydrates in the ocean. In fact, that really led to people being saved from the tsunami wave back in Southeast Asia because they had read the novel and knew what it looked like when a tsunami came. That’s just terrific. As a scientist, I would never look down on fictional literature or films; on the contrary, we scientists often find it really difficult to generate broad knowledge. An adventure novel like this – if it makes an effort and assembles the facts well – can generate that.” [Translated from German by the author.]

Science Fiction

For those who would like to approach the question of the relationship between society, science and fiction in a more fundamental way, we recommend a text by Jan Arendt Fuhse, which deals with science fiction as critical theory. [German]

Ficta

In 2006, Søren Brier, a Danish biologist, sociocyberneticist, and cybersemiotician, extensively explored the use of fictionalization in popular science communication as a response to the changing demands of science communication in the mass media. He examined fictional literature with a scientific core using Michael Crichton’s novel Jurassic Park as an example, and immediately coined his own term for popular literature that is about science: ficta. However, the term has not really caught on.

The crime series CSI, which is about the work of crime scene forensics, could also fall into this genre. Michael Saks and Nickolas Schweizer, both psychologists, studied the effects of the reception of the portrayal of forensic science in the series on the reception of the scientific subject of forensic science: They found that popular fiction about forensic science influences the public’s expectations of real forensic science. They named this relationship the CSI effect. 

Science-in-Fiction

Now, The Swarm, Jurassic Park, CSI, and many other works of classic science fiction are not formats of science communication that use entertaining fictionalization, but entertaining fictions that use scientific motifs. However, there are also fictions that quite specifically aim to communicate science. Carl Djerassi was a highly decorated chemist before he became a novelist. He describes his path from scientist to novelist and the difference between science fiction and science-in-fiction on scienceblog.at: “I decided to do something to bring the culture of science to a broader audience, with a genre that I soon named science-in-fiction. For me, a literary text only falls into this genre if the processes described in it are all plausible. These restrictions do not apply to science fiction. In saying this, I am in no way suggesting that scientific fantasy products are inappropriate in science fiction. But, if free invention is really to be used to bring unnoticed scientific facts to the attention of a scientifically unsophisticated public – a kind of smuggling that I consider intellectually and socially useful – then it is crucial to accurately reflect the underlying scientific facts.” [Translated from German by the author.]

The project “Fiction meets Science” by the Volkswagen Foundation, the University of Bremen, the Hanse-Wissenschaftskolleg, and the University of Oldenburg also strives to deliberately create encounters between science and fiction. And it is also worth taking a look at the archives of the annual Berlin digital festival re:publica when it comes to exploring the boundaries between science and fiction, between different forms of perception. In 2017, Joachim Haupt and Wenzel Mehnert from the University of Fine Arts Berlin spoke about Business Science – Fictionalized. The lecture can be seen on Youtube.

Categories
Reading List

RL #004: Mehr Klarheit in Sachen Wahrheit – eine Gedankenreise durch das Labyrinth von Fakten, Wissen, Meinungen, Fake und Bullshit.

Die Wahrheit hat zur Zeit nicht den besten Ruf. Gibt es überhaupt Wahrheit in der Wissenschaft? Wie wahr kann evidenzbasierte Politik sein? Und was ist Wahrheit überhaupt? 

Hinter dieser Reading List steckt meine eigene Sehnsucht nach Wahrheit in Wissenschaft UND Politik. Als Wissenschaftlerin, Expertin für Kommunikation und Filmemacherin nehme ich euch ein Stück weit mit auf meine eigene Suche.  

Anregende Lektüre wünscht Ina Ivanceanu, CEO Oikoplus

So verlockend es auch ist, diese Reise beginnt weder mit Corona noch mit Trump. Sondern mit einem der ausnahmslos guten Sammelbände, die die deutsche Bundeszentrale für politische Bildung herausgibt. Das kluge Bändchen ist schlicht mit „Wahrheit“ betitelt (2017) – sieben Texte zu den Zusammenhängen von Erfahrung, Wirklichkeit, Wissen und Glaubwürdigkeit. Da schreibt der Soziologe Peter Weingart über einen Konsens in der Wissenschaft: nämlich dass es sich auch bei „Wahr­heit” im Sinne wissenschaftlich gesicherter Fakten um soziale „Konstruktionen“ handelt. Die Wissensproduktion bleibt immer ein unabgeschlossener Prozess, der von Widerspruch, Interaktion, Diskurs, Verhandlung und Konsensbildung lebt. Also alles eine Frage der Interpretation? Sind Fakten beliebig veränderbar, relativ und deshalb nicht bin­dend oder handlungsrelevant? Keineswegs, anhand der Diskussion über den menschlichen Anteil am Klimawandel zeigt der Autor, dass Meinungen nicht gegen Forschungsergebnisse ausgespielt werden können – sie finden an diesen ihre Grenze.

Zurück in der Zeit und doch hochaktuell: die Gedanken der politischen Theoretikerin und Publizistin Hannah Arendt über die Ohnmacht und Kraft der Wahrheit. In ihren Essays „Die Lüge in der Politik” und „Politik und Wahrheit“ (auf deutsch 1969 erstmals erschienen) stellte sie fest: Über das, was wahr ist, kann nicht die Politik bestimmen, die dazu neige, mit der Wahrheit „auf Kriegsfuß“ zu stehen. Umgekehrt verteidigte Arendt die Politik, deren Praxis Menschen die einzige Möglichkeit eröffne, „die Welt zu verändern.“
Eine aktuelle Taschenbuchausgabe ist im Piper Verlag erhältlich, eine spannende Aufbereitung von Judith Zinsmaier gibt es dazu im Philosophie-Blog „praefaktisch.de“. 

Wie weit kann die Wissenschaft in einem Ausnahmezustand wie der Pandemie über politische Entscheidungsfindung bestimmen? In seinem Artikel „Lessons from an unfolding emergency“ vom Mai 2020 fragt der tschechische Autor Jiří Přibáň: Was passiert, wenn die Grenzen zwischen öffentlicher Meinung – die in völliger Ungewissheit feststeckt, und evidenzbasiertem Wissen – das bitte den richtigen Weg aufzeigen soll, verschwimmen? Während wissenschaftliche Erkenntnisse niemals definitiv sind, ist eine politische Entscheidung irreversibel und kann unabsehbare Folgen haben. Die ruhige Stimme der Wissenschaft, so Přibáň, müsse paradoxerweise im Pathos politischer Überzeugung auftreten, wenn es darum geht, die Öffentlichkeit vom Sinn bestimmter Maßnahmen zu überzeugen. 

Das Online-Portal Eurozine, das Přibáňs Text veröffentlichte, ist aktuell eines der spannendsten Medienprojekte: Ein Netzwerk von über neunzig europäischen „Cultural Journals” von Portugal bis Russland, von Schweden bis Griechenland, das die besten Artikel aller Medienpartner*innen in Themenschwerpunkten kuratiert und übersetzt. Hier etwa der Link zum Schwerpunkt „Information: A public good mit 23 Artikeln dazu. Eine anregende und hochqualitative Sammlung. 

Wissenschaft und Politik scheinen in der Pandemie oft zu verschmelzen. Teile der Bevölkerung betrachten dieses Amalgam als Figur einer Elite, die die Unmündigkeit des Bürgers ausnutzen möchte. Was aber unterscheidet Wissenschaft und Politik? Mitja Sienknecht und Antje Vetterlein vom Wissenschaftszentrum Berlin beziehen sich in ihrem Artikel „Wissenschaftliche Wahrheit und politische Verantwortung” auf Niklas Luhmann: Politik trifft kollektiv verbindliche Entscheidungen und übernimmt politische Verantwortung. Wissenschaft gewinnt Erkenntnisse und strebt – immer weiter – nach Wahrheit. Im Politiksystem ist die Kommunikation entlang der Unterscheidung zwischen Macht/Ohnmacht bzw. Regierung/Opposition strukturiert. Der zentrale Code im Wissenschaftssystem ist dagegen Wahrheit/Unwahrheit, der in der Politik normalerweise keine dominante Rolle spielt, hier ist sich Luhmann mit Arendt einig. Politik und Wissenschaft sieht er als zwei unabhängige Systeme, die in Austausch treten – etwa in Form von wissenschaftlicher Beratung, auf deren Grundlage politische Entscheidungen getroffen werden. Die Situation der Pandemie erschwert diese Verbindung, schreiben die Autorinnen: „Während zum einen die Politik jetzt dringender denn je auf die Fachkenntnisse der Wissenschaft angewiesen ist (…), ist die Wissenschaft weit davon entfernt, abschließende Daten präsentieren zu können, wie die umstrittenen unterschiedlichen Ergebnisse von Studien zur Corona-Infektions-Rate von Kindern zeigen.“ Die Revision einer Position sei in der Wissenschaft gerade kein Ausdruck von Schwäche, sondern ihr Alltagsgeschäft. Doch worauf kommt es an in Zeiten der Pandemie? Auf den Umgang der Politik mit Verteilungs- und Wertekonflikten, so die Autorinnen: „Politische Verantwortung heißt, sich nicht hinter der Wissenschaft zu verstecken, sondern vielmehr sich diesen unbequemen Fragen zu stellen – sprich: Politik zu machen.“

Wie soll Politik im Sinne der Wahrheit NICHT gemacht werden? Dazu zwei Text-Perlen: 

1. Das legendäre Büchlein „Bullshit“ (Suhrkamp 2014) des emeritierten Oxforder Professors Harry G. Frankfurt: zornig-coole Streitschrift und philosophischer Bestseller, auch in den USA. Der analytische Philosoph erhebt den Kraftausdruck zum gewichtigen erkenntnistheoretischen Fachbegriff: „Bullshitting“ als hochgefährliches Gerede, bei dem es dem Sprecher egal ist, ob seine Aussagen stimmen. Ein unverzichtbares Grundlagenwerk der angewandten Dummheitsforschung. 

2. Die New York Times analysierte Ende Januar akribisch die 77 Tage von Donald Trumps „Election Lie“ und deckte auf, wieviel Planung und Strategie dahinter stand: Augen öffnend. 

Diese kleine Lesereise endet mit einer künstlerischen Empfehlung, nämlich für das Online-Programm „True Fake“. Es präsentiert Filme, die das Verhältnis zwischen Wahrheit und Fiktion, Kunst und Wissenschaft erforschen, und die naive Vorstellung objektiver Wahrheit in Frage stellen. Ein wechselndes Programm der ebenso renommierten wie aufregenden künstlerischen Plattform E-Flux, das vom eigenen E-Journal begleitet wird. Die Filme sind von 9.2. bis 20.4. zu sehen, darunter das neue Projekt meiner vielfach preisgekrönten Filmfreundin Manu Luksch: ALGO-RHYTHM, ein Hip-Hop-Musical gegen automatisierte Propaganda, featuring Gunman Xuman, Lady Zee, OMG. Don’t miss!

Aus unseren Projekten

Im Projekt ArcheoDanube, an dem Oikoplus gemeinsam mit dem Verein Sustainication e.V. beteiligt ist, ist die Grundlagenstudie über Kulturerbe und Kulturtourismus jetzt abgeschlossen. Aktuell arbeiten wir an der Erstellung eines Leitfadens für die Gestaltung lokaler Archäologischer Parks. Mehr Infos hier

Im Projekt SYNCITY gibt es neue Cureghem Tales, besondere Empfehlung für den Februar: Madame Zouma und ihr Ingwersaft. Und es geht in den Endspurt für die Texte der Urban Innovation Toolbox: Hands-On Ideen und Inspiration für partizipative und nachhaltige Stadterneuerung, ab Mai erhältlich. 

Und das Horizon 2020 Projekt EnergyMEASURES stellt die Frage: welche einfachen und preiswerten Strategien können Haushalten helfen, die von Energiearmut betroffen sind? Leider erschwert die Pandemie es aktuell, mit den betroffenen Haushalten wie geplant direkt zusammenzuarbeiten. 
Neuigkeiten finden sich unter energymeasures.eu.

Categories
Reading List

RL #004: More clarity in matters of truth – a journey of thought through the labyrinth of facts, knowledge, opinions, fake and bullshit.

Truth does not have the best reputation at the moment. Is there any truth in science at all? How true can evidence-based policy be? And what is truth anyway? 

Behind this Reading List lies my own longing for truth in science AND politics. As a scientist, communication expert and filmmaker, I take you along on my own quest.  

I wish you inspiring reading,
Ina Ivanceanu, CEO Oikoplus

Tempting as it is, this begins neither with Corona nor with Trump, but with one of the invariably good anthologies published by the German Federal Agency for Civic Education. The clever little volume is simply titled “Truth” (2017) – seven texts on the connections between experience, reality, knowledge and credibility. Sociologist Peter Weingart writes about a consensus in science: namely that “truth” in the sense of scientifically proven facts is also a matter of social “constructions”. Knowledge production always remains an incomplete process that lives from contradiction, interaction, discourse, negotiation and consensus building. So it is all a question of interpretation? Are facts arbitrarily changeable, relative and therefore not binding or relevant to action? Not at all. Using the discussion about the human contribution to climate change as an example, the author shows that opinions cannot be played off against research results – they find their limit at the latter. 
 
Back in time and yet highly topical: the thoughts of the political theorist and publicist Hannah Arendt on the impotence and power of truth. In her essays “The Lie in Politics” and “Politics and Truth” (first published in German in 1969), she stated that what is true cannot be determined by politics, which tends to be “at war” with truth. Conversely, Arendt defended politics, whose practice gave people the only opportunity to “change the world.” A current paperback edition is available from Piper Verlag, and there is an exciting treatment of it by Judith Zinsmaier on the philosophy blog “praefaktisch.de“. 

How far can science determine political decision-making in a state of emergency like the pandemic? In his May 2020 article “Lessons from an unfolding emergency”, Czech author Jiří Přibáň asks: What happens when the boundaries between public opinion – which is stuck in complete uncertainty, and evidence-based knowledge – which is supposed to please point the right way, become blurred? While scientific knowledge is never definitive, a political decision is irreversible and can have unforeseeable consequences. The calm voice of science, says Přibáň, paradoxically has to appear in the pathos of political conviction when it comes to convincing the public of the sense of certain measures. 

The online portal Eurozine, which published Přibáň’s text, is currently one of the most exciting media projects: A network of over ninety European “cultural journals” from Portugal to Russia, from Sweden to Greece, which curates and translates the best articles of all media partners in thematic focuses. Here, for example, is the link to the focus “Information: A public good” with 23 articles on it. A stimulating and high-quality collection. 
 
Science and politics often seem to merge in the pandemic. Sections of the population see this amalgam as the figure of an elite that wants to exploit the immaturity of the citizen. But what distinguishes science and politics? Mitja Sienknecht and Antje Vetterlein from the Social Science Research Center Berlin refer to Niklas Luhmann in their article “Scientific Truth and Political Responsibility”: Politics make collectively binding decisions and assume political responsibility. Science gains knowledge and strives – ever further – for truth. In the political system, communication is structured along the distinction between power/powerlessness or government/opposition. In contrast, the central code in the science system is truth/untruth, which normally does not play a dominant role in politics, here Luhmann agrees with Arendt. He sees politics and science as two independent systems that enter into exchange – for example in the form of scientific advice on the basis of which political decisions are made. The situation of the pandemic complicates this connection, the authors write: “While politics is now more urgently than ever dependent on the expertise of science (…), science is far from being able to present conclusive data, as the controversial different results of studies on the Corona infection rate of children show.” In science, the revision of a position is precisely not an expression of weakness, but its everyday business. But what is important in times of a pandemic? Political responsibility means not hiding behind science, but rather facing up to these uncomfortable questions – in other words: making politics.

How should politics NOT be made in the sense of truth? Here are two text gems: 

1. The legendary booklet “Bullshit” (Suhrkamp 2014 in German) by the emeritus Oxford professor Harry G. Frankfurt: an angry and cool philosophical bestseller, also in the USA. The analytical philosopher elevates the expletive to a weighty epistemological technical term: “bullshitting” as highly dangerous talk in which the speaker does not care whether his statements are true. An indispensable foundational work in applied stupidity research.

2. The New York Times meticulously analysed the 77 days of Donald Trump’s “Election Lie” at the end of January and revealed how much planning and strategy was behind it: Eye-opening. 

This little reading tour ends with an artistic recommendation, namely for the online programme “True Fake””: a seies of films that explore the relationship between truth and fiction, art and science, and question the naive notion of objective truth. A programme from the equally renowned and exciting artistic platform E-Flux, accompanied by its own e-journal. The films can be seen from 9.2 to 20.4 this year, including the new project by my multi-award-winning film friend Manu Luksch: ALGO-RHYTHM, a hip-hop musical against automated propaganda, featuring Gunman Xuman, Lady Zee, OMG. Don’t miss!

From our projects – at a glance 

In the ArcheoDanube project, in which Oikoplus is involved together with the Sustainication e.V. association, the basic study on cultural heritage and cultural tourism has now been completed. We are currently working on a guide for the design of local archaeological parks. News can be found here

In the SYNCITY project, there are new Cureghem Tales, with a special recommendation for the cold weather in February: Madame Zouma and her ginger juice. And we are in the final spurt for the texts of the Urban Innovation Toolbox: Hands-on ideas and inspiration for participatory and sustainable urban regeneration, available from May. 
 
And the Horizon 2020 project EnergyMEASURES focusses on simple and low-cost strategies to help households that experience energy poverty. Unfortunately, the pandemic is currently making it difficult to work directly with affected households as planned. News can be found at energymeasures.eu.

Categories
Reading List

RL #003: Hören und gehört werden, Ideen austauschen und mitbestimmen: Digitale Partizipation leicht gemacht

Die Welt war schon vor Covid-19 vernetzt und verdichtet, und stellte in ihrer Komplexität schon zuvor das Herzstück unseres Gemeinwesens auf die Probe: die Demokratie. Wie genau es darum in- und außerhalb Europas beschaffen ist, berichtet jedes Jahr der Demokratie-Index der britischen Economist Intelligence Unit. Jetzt, wo die Pandemie die meisten Staaten fest in der Hand hat und Maßnahmen zur Eindämmung verhängt wurden, ist es möglich oder vielleicht sogar wahrscheinlich, dass weitere Restriktionen eintreten werden. In dieser Reading List teilen wir mit euch spannende Beiträge, Artikel und Projekte, die danach fragen, wie wir uns trotz Einschränkungen unserer Kontakte und physical distancing an gesellschaftlichen Fragestellungen beteiligen und diese mitbestimmen können, und welche Methoden der e-Partizipation uns darin unterstützen, den Dialog auf Augenhöhe aufrecht zu erhalten. 

Spannende How To’s rund um e-Partizipation bietet das Grünbuch des österreichischen Bundesministeriums für Kunst, Kultur, öffentlicher Dienst und Sport – ein fundierter Leitfaden für Partizipation im digitalen Zeitalter. Die Autor*innen heben die Bedeutung von Beteiligung und Transparenz für eine lebendige Demokratie hervor und sehen in digitalen Partizipations- und Kommunikationsformaten zeitgemäße Lösungsansätze. Sie argumentieren, dass der Einsatz von Informations- und Kommunikationstechnologien es ermöglicht, Beteiligungsprozesse einfacher zu gestalten und Beteiligungshemmnisse zu beseitigen. Bestimmte Zielgruppen können durch digitale Partizipationsformate besser erreicht und eingebunden werden als mit Hilfe analoger und präsenzbetonter Methoden. Wer kennt ihn nicht, den Monolog jener, die sich gerne reden hören und die Stille derer, die sich nicht trauen, ihre Meinung kundzutun? Hier schafft e-Partizipation auch auf diskursiver Ebene Abhilfe. 

Über Chancen und Herausforderungen eben solcher Initiativen informiert der Abschlussbericht zum Projekt ‚Offene Staatskunst – Bessere Politik durch Open Government«?‘. In dem von Google initiierten Co:llaboratory – ein Multistakeholder Think-Tank und Policy Labor – widmen sich Expert*innen aus Zivilgesellschaft, Wissenschaft und dem Unternehmensbereich der Frage, wie Konzepte der Offenen Staatskunst in die politische Kultur am Beispiel Deutschlands integriert werden können. Im Kapitel ‚eParticipation: Einmischen erwünscht!’ findet ihr zahlreiche Empfehlungen für e-Partizipationsprojekte – von der Konzeption bis zur Umsetzung. Ein Schmankerl für diejenigen, die es ganz genau wissen wollen: die Best Practice Sammlung mitsamt Analysen und Erfolgsfaktoren.

Welche konkreten Tools für e-Partizipation können wir in unseren eigenen (Arbeits-) Alltag einbringen? Involve, eine in Großbritannien basierte, gemeinnützige Organisation bietet auf ihrer Website Einführungen (auf Englisch) in zahlreiche digitale Tools und Partizipationsverfahren an: Crowd-mapping, interactive whiteboards, interactive Q&A’s, etc. 

Eine beinahe ebenso umfassende Einführung in das Universum der e-Partizipation bietet das Kleine 1×1 der digitalen Partizipation von Zebralog. Der Fokus liegt auf den zusätzlichen Kompetenzen die e-Partizipation von den Organisator*innen einfordern. Die Beteiligungs- und Partizipationspioniere aus Deutschland haben auf ihrer Website eine ganze Reihe an Methoden, Tools und Ideen gesammelt, damit ihr eure Videokonferenzen interaktiver und partizipativer gestalten könnt, führen aber auch aus, dass noch kein*e Meister*in vom Himmel gefallen ist. Es gilt: üben, üben, üben!

Einen neuen Werkzeugkoffer für digitale Beteiligung bietet außerdem nonconform – das Büro für Architektur und partizipative Raumentwicklung in- und außerhalb von Österreich. Die neue Plattform nonconform live transferiert ausgeklügelte Beteiligungsprozesse in den virtuellen Raum und verspricht dabei eine kreativ-produktive Atmosphäre.

Eine kreative Möglichkeit, wie e-Partizipation weitergedacht werden kann, bietet das Kunstprojekt #HotPhones von Nadja Buttendorf durch die Augen (oder besser die Tastatur) von Magdalena Götz von der Zeitschrift Kunst Medien Bildung. Die Künstlerin rückt digitale Medientechnologien und Formen der neu ermöglichten (oder verhinderten) Teilhabe in den Fokus; die Porträtistin untersucht ihrerseits mögliche Konsequenzen und Schlussfolgerungen des Diskurses um Postdigitalität für den Begriff der Teilhabe. Spannend und amüsant zugleich, doch mehr verraten wir nicht. Have a look yourself!

Categories
Reading List

RL #003: Hear and being heard, exchange ideas and have a say: Digital participation made easy

Even before Covid-19 the world we live in was a connected and condensed one. Complex and diverse as it was, it had already put the heart of our community, namely democracy, to the test. To what extent democracy has been affected in and outside of Europe can be read in the yearly reported Democracy Index of the British Economist Intelligence Unit. But now that the pandemic is firmly in control of most states and containment measures have been imposed, the assumption that further deterioration will occur is not far-fetched. In this Reading List we share exciting contributions, articles and projects with you that ask how we can participate in social issues despite contact bans and physical distancing, and which methods of e-participation help us to maintain a dialogue on equal footage.

The Green Paper of the Austrian Federal Ministry for Art, Culture, Public Service and Sport – a well-founded guide for participation in the digital age – offers an introduction that is well worth reading, including exciting how-tos about e-participation. The authors emphasise the importance of participation and transparency for a living democracy and conceive digital participation and communication formats as a contemporary solution approach. They argue that the use of information and communication technologies makes it possible to design participation processes more easily and to remove barriers to participation. Some target groups can better be reached and integrated through digital participation formats as opposed to of analog and presence-oriented methods: who does not know the monologue of those who like to hear themselves talking and the silent ones among these who do not dare to express their opinion. Here, e-participation also provides a remedy on a discursive level.

The final report on the project “Open statecraft – better politics through open government”? provides information on the opportunities and challenges of such initiatives. In the Co:llaboratory – a multi-stakeholder think tank and policy laboratory – initiated by Google, experts from civil society, science and corporate sector are devoting themselves to the question of how concepts of open statecraft can be integrated into political culture using Germany as an example. In the chapter ‘eParticipation: Get involved! ’You will find numerous recommendations for e-participation projects – starting with the conception through to implementation. And for those who want to know exactly: the best practice collection including analyses and success factors!

Apart from all the potential (and risks) associated with digital participation formats, we would like to show you very specific and practical tools on how you can bring e-participation into your everyday (work) life. Involve, a UK-based, non-profit organization, for example, offers introductions to numerous synchronous and asynchronous digital tools and participation processes on their website: crowd mapping, interactive whiteboards, interactive Q & A’s, etc.

An almost equally comprehensive introduction to the universe of e-participation is offered by the small 1×1 of digital participation by Zebralog. However, the focus is on the additional competencies that e-participation demands from its organisers. The participation pioneers from Germany have collected a whole range of methods, tools and ideas on their website so that you can design your video conferences more interactively. But they also state that no master has fallen from heaven. The rule is: practice, practice, practice! Furthermore, a new tool case for digital participation is also offered by nonconform – the office for architecture and participatory spatial development inside and outside of Austria.The new platform nonconform live transfers sophisticated participation processes into the virtual space and guarantees a creative as well as productive atmosphere.

The art project #HotPhones by Nadja Buttendorf through the eyes (or better, the keyboard) by Magdalena Götz from the magazine Kunst Medien Bildung represents a creative way of how e-participation can be further spun out. The artist focuses on digital media technologies and forms of newly enabled (or prevented) participation; the portraitist, for her part, examines possible consequences and conclusions of the discourse about post-digitality for the concept of participation. Exciting and amusing at the same time, but we won’t reveal more. Have a look yourself!

Categories
Reading List

RL #002: Publish or Perish! Ist das Kommunizieren wissenschaftlicher Erkenntnisse in Fachjournalen noch immer die richtige Strategie?

Kurz vor Jahresende kommt er doch noch: der Publikationsstress. In der Jahreszeit in der weite Teile der westlichen Welt zwischen Konsumrausch und einer mehrwöchigen Produktionspause oszillieren, beginnen tausende Jungakademiker*innen doch noch einen Artikel zu schreiben, überarbeiten oder redigieren. Wichtig ist, dass aus der Forschung ein Argument, aus dem Argument ein Skript und aus dem Skript ein Artikel wird. Oder zwei! Dabei hat der Publikationsdruck viele Wissenschafter*innen schon jetzt in die Ecke gedrängt. Wie genau, zeigen diese im Katapult Magazin erwähnte Studie oder ein bereits 2018 im Spektrum Magazin veröffentlichter Erfahrungsbericht.

Ausdruck verleihen dem Verdruss und Unmut die Betroffenen. Eines der rezenteren Beispiele kommt von David A. M. Peterson. In seiner (leider hinter einer Paywall versteckten) Abrechnung mit den gängigen Produktionspraktiken titelt er: „Dear Reviewer 2: Go F‘ Yourself“. Galgenhumor aus der Forscher*innengruppe auf WhatsApp. Zum Unmut gesellen sich aber auch kreative Ideen. Ungehemmt offenes publizieren, argumentiert Nicola von Lutterotti in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, schaffe Transparenz und steigere die Qualität der Arbeiten, weil ein kritisches Publikum bereits während der Forschung Fragen stellen könne. Ein anderer Ansatz wurde im Juli dieses Jahres in der österreichischen Tageszeitung derStandard präsentiert: auf Basis der Hongkong Prinzipien (englische Fassung) sollten Forscher*innen so evaluiert werden, dass diese ihre Integrität wahren können. Eine Nebelgranate?

Wohin man auch blickt, wird jedenfalls klar, dass Forschung nicht nur zu ausufernden Publikationslisten führen darf. Aber können das zusätzliche, breitenwirksame Kommunizieren Forscher*innen auch noch leisten? Wo ansetzen? Während eine im Magazin Forschung und Lehre rezipierte Studie des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung zeigt, dass etwa 30% der Arbeitszeit and den deutschen Hochschulen für Forschung (und Publikation), 30% für die Lehre und weitere 40% für die Supervision, Drittmittelakquise und Teilnahme an administrativen und organisatorischen Arbeiten am Institut und in Gremien verwendet werden, basteln anderenorts Kommunikationsagenturen wie Oikoplus an Formaten, die es den Wissenschafter*innen ermöglichen, mit möglichst geringem Aufwand zielgruppenorientiert in die Gesellschaft hinein zu wirken. Keine Sorge! Nicht alle Wissenschaftler*innen müssen dafür die 2017 von Beatrice Lugger für das Nationale Institut für Wissenschaftskommunikation beschriebene Rampensau mit eigenständiger Community sein. Dennoch steht aber fest, dass die Chancen auf eine Professur mit dem personengebundenen Bekanntheitsgrad steigen. Die Wissenschaftskommunikation muss also umstellen, von der alleinigen Kommunikation von Ergebnissen auf die Kommunikation von Prozessen, die die Urheber*innen miteinschließen und zu den Ergebnissen hinführen. Die Wahl des Mediums könnte in Zukunft aber freier gestaltet sein.

Aus unseren Projekten
An dieser Stelle geben wir monatlich einen kleinen Einblick in die Arbeit von Oikoplus. 

Im Projekt Archeodanube, an dem Oikoplus gemeinsam mit dem Verein Sustainication e.V. beteiligt ist, geht es um Strategien für nachhaltigen Archäologie-Tourismus (“Archeotourism”) im Donauraum. Hier findet sich der aktuelle Projekt-Newsletter

Und im Projekt SYNCITY arbeiten wir mit einer Reihe von belgischen Partnern an partizipativen Konzepten zur Entwicklung des Brüsseler Stadtteils Cureghem. Über das Projekt berichten wir in den Cureghem Tales

Categories
Reading List

RL #002: Publish or Perish! Is Communicating Scientific Findings in Journals Still the Right Strategy?

Just before the end of the year the publishing rush is back. While large parts of the western world oscillate between a consumer frenzy and a production stop lasting several weeks, thousands of young academics start writing, revising or editing an article. What counts is turning research into an argument, the argument into a script and the script into an article. Or two! The pressure to publish has put many scientists has increased. A study cited in the Katapult magazine and a personal experience published in the Spektrum magazine show how this happens (both texts in German).

Those affected voice their annoyance and displeasure. One of the more recent examples comes from David A. M. Peterson. In his revenge (unfortunately hidden behind a paywall) against common publishing practices, he titles: “Dear Reviewer 2: Go F’ Yourself“. Black humour from the researchers’ WhatsApp group. However, the discontent is also accompanied by creative ideas. Nicola von Lutterotti claims in the Frankfurter Allgemeine Zeitung that radical open publication would create transparency and improve the quality of the work, as a critical audience could ask questions while research is still in progress. Another approach presented in the Austrian daily derStandard last July was to evaluate researchers on the basis of the Hong Kong Principles (in English) so that they could maintain their integrity. A promising approach?

No matter where one looks, it becomes clear that research should result in more than overflowing publication lists. But can researchers be expected to do the additional work of communicating to a broad audience? Where to begin? Whereas a study by the German Centre for Research on Higher Education and Science presented in the magazine Forschung und Lehre reveals that about 30% of working time at German universities is spent on research (and publication), 30% on teaching and 40% on supervision, third-party funding acquisition and participation in administrative and organisational work at the institute and in committees, communication agencies such as Oikoplus are developing formats that enable scientists to reach out to society with as little effort as possible. Don’t worry! Not all scientists have to be the “champion” with an independent community described by Beatrice Lugger for the National Institute for Science Communication in 2017. One thing is certain, however: the chances of being appointed to a professorship increase with the level of awareness associated with the person. Science communication thus needs to shift from communicating only the results to communicating processes that include the authors leading to the results. The choice of medium could, in future, be designed more freely.

From our projects
At this point we give a monthly insight into the work of Oikoplus.

The Archeodanube project, in which Oikoplus is involved together with the association Sustainication e.V., is concerned with strategies for sustainable archaeology tourism (“Archeotourism”) in the Danube region. Here you can find the current project newsletter

And in the SYNCITY project, we are working with a number of Belgian partners on participatory concepts for the development of the Cureghem district of Brussels. We report on the project in the Cureghem Tales

Categories
Reading List

RL #001 – The Hammer and the Dance, with Evidence, please!

2020 was the year of science communication, one might think. When has there ever been such intense public discussion about epidemiology and public health issues as in the year of the Sars-CoV-2 pandemic? The Coronavirus Update of the Norddeutscher Rundfunk NDR became the most listened to German podcast right from the start. Its main protagonist, the virologist Christian Drosten, explained in a recent interview on the occasion of being awarded the Klartext Special Prize for Science Communication how important he considers the communicative role of scientists. A conversation worth reading. 

Proper communication is not only important in the communication between research and society, but also within scientific communities. A study identified a gender gap several months ago. Male researchers communicate their research more forcefully than their female colleagues. This was reported in the Katapult magazine

The described problem of gender inequality in the communication of science is probably not the only communication problem science has. Otherwise, political decisions would have to be made much more often on the basis of evidence, wouldn’t they? But a simple causal chain between scientific evidence and political decision making is extremely rare. Sometimes it is even difficult to find even one correlation. However, especially in the year of the coronavirus pandemic, there is a call for political measures based on scientific evidence. When policy is scientifically based, this is particularly noticeable when it is openly discussed. For example, the famous concept “The Hammer and the Dance” for coronavirus containment. When did a scientifically based policy concept last become so famous so quickly? It’s worth taking a look at how it came about that political personnel in countries around the globe adopted the hammer and the dance strategy so quickly for their communication. Presumably this is also to some extent related to the catchy headline of Tomas Pueyo’s text. His text “The Hammer and the Dance”, which was read and shared by millions within a very short time in spring 2020, was originally supposed to be called “The Lockdown and the Release”, as he himself recently described on Twitter. There he also published the basic ideas of his famous text in bullet point form. An interesting and historical example of science communication that caused political impact, which also shows that successful science communication does not necessarily have to be done by scientists themselves.

For many topics, knowledge-based decision making does not seem to be the most politically obvious basis. No wonder. Science and politics do not follow the same logic. And it’s not as if science constantly produces incontestable truth. A text worth reading that looks at the difficulties of evidence-based politics appeared on the Rand Corporation blog in May. 

From our projects
At this point we give a monthly insight into the work of Oikoplus.

The Archeodanube project, in which Oikoplus is involved together with the association Sustainication e.V., is concerned with strategies for sustainable archaeology tourism (“Archeotourism”) in the Danube region. Here you can find the current project newsletter

And in the SYNCITY project, we are working with a number of Belgian partners on participatory concepts for the development of the Cureghem district of Brussels. We report on the project in the Cureghem Tales

Categories
Reading List

RL #001: Hämmern und Tanzen, mit Evidenz, bitte!

2020 war das Jahr der Wissenschaftskommunikation, könnte man meinen. Wann wurde schon einmal so intensiv öffentlich über Epidemiologie und Public-Health-Themen diskutiert wie im Jahr der Sars-CoV-2-Pandemie? Das Coronavirus Update des Norddeutschen Rundfunks NDR wurde gleich vom Start weg zum meistgehörten deutschsprachigen Podcast. Sein Hauptprotagonist, der Virologe Christian Drosten erklärte neulich in einem Interview anlässlich der Verleihung des Klartext-Sonderpreises für Wissenschaftskommunikation an ihn, für wie wichtig er die Kommunikatorenrolle von Wissenschaftlern hält. Ein lesenswertes Gespräch. 

Auf die richtige Kommunikation kommt’s nicht nur in der Kommunikation zwischen Forschung und Gesellschaft an, sondern auch innerhalb wissenschaftlicher communities. Dabei stellte eine Studie schon vor einigen Monaten einen Gender Gap fest. Männliche Forscher kommunizieren ihre Forschung danach forscher als ihre weiblichen Kolleginnen. Darüber wurde im Katapult-Magazin berichtet

Das beschriebene Problem der Geschlechter-Ungleichheit in der Kommunikation von Wissenschaft ist vermutlich nicht das einzige Kommunikationsproblem, das die Wissenschaft hat. Sonst müssten politische Entscheidungen doch viel häufiger evidenzbasiert getroffen werden, oder etwa nicht? Doch eine simple Kausalkette zwischen wissenschaftlicher Evidenz und politischer Entscheidung ist überaus selten zu erkennen. Manchmal fällt es sogar schwer, auch nur eine Korrelation zu finden. Dabei steht gerade im Jahr der Coronavirus-Pandemie die Forderung nach politischen Maßnahmen, die auf wissenschaftlicher Erkenntnis gründen, im Raum. Wenn Politik wissenschaftlich begründet wird, dann fällt das vor allem auf, wenn offen darüber gesprochen wird. Da ist zum Beispiel das berühmt gewordene Konzept “The Hammer and the Dance” zur Coronavirus-Eindämmung. Wann wurde zuletzt ein wissenschaftlich begründetes Policy-Konzept dermaßen schnell dermaßen berühmt? Es lohnt sich, einen Blick darauf zu werfen, wie es dazu kam, dass politisches Personal in Ländern rund um den Globus die Hammer-und-Tanz-Strategie so schnell für seine Kommunikation übernahm. Vermutlich hängt das auch mit der eingängigen Überschrift des Texts von Tomas Pueyo zusammen. Sein Text “The Hammer and the Dance”, der im Frühjahr 2020 binnen kürzester Zeit millionenfach gelesen und geteilt wurde, sollte ursprünglich “The Lockdown and the Release” heißen, wie er selbst neulich auf Twitter beschrieb. Dort veröffentlichte er auch die Grundgedanken seines berühmten Texts in Bullet-Point-Form. Ein interessantes und historisches Beispiel für Wissenschaftskommunikation, die politischen Impact verursachte, das auch zeigt, dass gelungene Wissenschaftskommunikation gar nicht zwingend von Wissenschaftlern selbst betrieben werden muss.

Bei vielen Themen scheinen wissensbasierte Entscheidungsgrundlagen nicht die politisch naheliegendsten zu sein. Kein Wunder. Wissenschaft und Politik folgen nicht derselben Logik. Und es ist ja auch nicht so, als würde Wissenschaft ständig unanfechtbare Wahrheit produzieren. Ein lesenswerter Text, der die Schwierigkeiten evidenzbasierter Politik in den Blick nimmt, erschien im Mai auf dem Blog der Rand Corporation.

Aus unseren Projekten
An dieser Stelle geben wir monatlich einen kleinen Einblick in die Arbeit von Oikoplus. 

Im Projekt Archeodanube, an dem Oikoplus gemeinsam mit dem Verein Sustainication e.V. beteiligt ist, geht es um Strategien für nachhaltigen Archäologie-Tourismus (“Archeotourism”) im Donauraum. Hier findet sich der aktuelle Projekt-Newsletter

Und im Projekt SYNCITY arbeiten wir mit einer Reihe von belgischen Partnern an partizipativen Konzepten zur Entwicklung des Brüsseler Stadtteils Cureghem. Über das Projekt berichten wir in den Cureghem Tales