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RL #040: Retractions – Falsches Wissen wieder einfangen

1998 veröffentlichte Andrew Wakefield eine Studie mit dem Titel Ileal-lymphoid-nodular hyperplasia, non-specific colitis, and pervasive developmental disorder in children. Im Artikel argumentieren Wakefield und seine Mitautor:innen, dass ein Zusammenhang zwischen der Impfung für Mumps, Masern und Röteln und Autismus bei Kindern bestehe. Jahre später wurde bekannt, dass Wakefield 480.000 GBP für die Ergebnisse der Studie erhalten und das verschwiegen hatte. Heute ist die Studie zurückgezogen und Wakefield kein Arzt mehr. Doch der Inhalt der “Studie”, die keine war, wirkt bis heute nach. Sie wird weiterhin von Impfgegner:innen zitiert und immer wieder aufs Neue wiederbelebt.

Paper zurücknehmen. Das geht?

Es gibt verschiedene Gründe, weshalb Artikel zurückgezogen werden. Das Zurückhalten und Verschleiern von Fördergeber:innen bzw. das Verschweigen von Interessenskonflikten ist einer davon. Der häufigste Grund sind ehrliche Fehler bei der Datenerhebung, Analyse oder Interpretation. Wie bei jeder anderen Arbeit, können die auch in der Forschung passieren. Hinzu kommen aber auch vorsätzliche Datenmanipulationen und Plagiate. KI könnte in Zukunft eine Rolle spielen. Den Antrag auf Rücknahme eines Artikels stellen Autor:innen, die Unzulänglichkeiten in der eigenen Arbeit bemerken (wie z.B. im hier im Fall von Shaawna Williams in The Scientist), Kolleg*innen, die Fehler bemerken und Herausgeber:innen, die im Rahmen öffentlicher Diskussionen auf Unzulänglichkeiten aufmerksam werden.

Bild von StockSnap auf Pixabay

10.000 zurückgezogene Publikationen

Dass Artikel zurückgenommen werden ist eine Entwicklung der letzten Jahre und Teil des Erfolgs der Retraction Watch Database. Im Jahr 2023 wurden mehr als 10,000 wissenschaftliche Artikel zurückgezogen; 10.000! Und es wird nicht besser. Etwa 60% der Rücknahmen, so zumindest Jeffrey Brainard und Jia You in einem Beitrag über den Mehrwert der strategischen Erfassung von Rücknahmen, sind eine Folge betrügerischer Absichten von Autor:innen. Ausmaße, die schon von Ivan Oransky und Adam Marcus in einem Artikel im The Guardian angedeutet wurden. Die Lichtblicke? Etwa 500 von über 30.000 Autor:innen waren 2023 für etwa ein Viertel aller Retractions verantwortlich. Es sind also wenige die viele Rücknahmen produzieren. Zugleich sind letzthin immer mehr Verlage auf den Zug mit aufgesprungen und suchen seitdem auch selbst nach fehlerhaften Publikationen. Für den Zeitraum zwischen 2009 und 2010 beispielsweise hat das Publishing House IEEE wie Alison McCook für Science.org berichtete, seine Artikel 2018 rückwirkend überprüft und über 7.000 Publikationen aus der eigenen Datenbank entfernt.

Rücknahmen: eine Frage der Glaubwürdigkeit

Mit der neuen Überprüfbarkeit und der Forderung an die Verlage, ihren Pflichten nachzukommen, ist auch der Karrieredruck rund um die Glaubwürdigkeit von Wissenschaftler:innen größer geworden. The Scientist veröffentlicht jährlich eine Liste der wichtigsten Retractions in den Naturwissenschaften (2021, 2022). Und auch die Community ist heute bewusster und hilfsbereiter — eine “stronger systems hypothesis” die zum Beispiel Danielle Fanelli vertritt. Vor allem Titel mit besonders spektakulären Ankündigungen mussten sich zuletzt einer Überprüfung stellen. Nach der Ankündigung von Ranga Dias et al., den ersten Supraleiter als Festkörper bei Raumtemperatur gefunden zu haben, wurde der Artikel zunächst im Preprint innerhalb weniger Monate zerpflückt und nach der Publikation auf Wunsch der Co-autor:innen 2023 vom Verlag zurückgezogen. Für Dias war es die insgesamt dritte Retraction und die erste, die auch medial hohe Wellen schlug: Science berichtete, die New York Times berichtete, das Wall Street Journal berichtete. Das nagt an der Glaubwürdigkeit der Einzelnen, stärkt aber die Wissenschaft und ihre Community.

Bild von Dominique auf Pixabay

What’s next?

Dass Fehler passieren ist normal. Dass Betrug vorkommt, ist nicht überraschend. Neben Ethik und Moral gibt es eben auch in der Wissenschaft Wettbewerb, Karriere und unlautere Mittel. Was nicht in Ordnung und gesellschaftlich höchst problematisch ist, sind die langen Wartezeiten und auch die mangelnde Information derer, die eine zurückgezogene Arbeit zitiert und die Fehler oder den Betrug nicht bemerkt haben. Sollen zurückgezogene Paper gelöscht oder der Nachwelt in gekennzeichneter Form zugänglich gemacht werden?

Verbesserungswürdig bleiben also die Prozesse rund um das Zurückziehen der Paper. Ivan Heibi und Silvio Peroni beispielsweise, setzen sich in ihrem in Digital Scholarship in the Humanities veröffentlichtem Artikel mit der Retraction Notice auseinander und stellen fest, dass es sowohl bei den Inhalten als auch bei der Angabe von Metadaten gravierende Unterschiede gibt. Außerdem, so die Autoren, sind Retraction Notes, weil negativ konnotiert, kaum auffindbar. Nicht nur an der Überprüfung der Artikel und ihrer Inhalte, sondern auch an der Vorgehensweise und Publizität empfiehlt es sich also weiter zu arbeiten. Ein Anspruch der nicht nur an Verlagshäuser und den Forschungsbetrieb, sondern an all jene gerichtet ist, die den Forschungsbetrieb bei der Veröffentlichung und Verbreitung von als gesichert angenommenen Wissen unterstützen.