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RL #008: Mehr Werkzeuge, weniger Grenzen: ein Blick in die Zukunft der Wissenschafts-kommunikation

„Holt euch einen Tee, Freunde der Sonne, macht es euch gemütlich – Zeit für Science!“ Damit wirbt der deutsche  YouTube-Kanal Mailab für Themen aus Bereichen der Natur- und Gesellschaftswissenschaften. Mit Erfolg: Mailab hatte im Juni 2021 1,3 Millionen Abonnent*innen erreicht. Von der Frage, was Netflix über uns weiß und welche Fakten zum Klimawandel belegt sind, bis zur Wirkung von Kurkuma auf den menschlichen Organismus: so wie in der Wissenschaft ist für Mailab keine Frage zu klein oder zu groß, zu komplex oder zu einfach. Witzig, evidenzbasiert, anregend und präzise erzählt: der Kanal ist nur eines von vielen zukunftsweisenden Beispielen dafür, wie Wissenschaft breit und sinnvoll wirken kann. Wie wird sich die Wissenschaftskommunikation weiter entwickeln? Welche Trends und Perspektiven zeichnen sich ab? In welche Richtung kann und soll es gehen?

Social Media als akademische Non-Stop -Tagung

Beginnen wir mit dem offensichtlichsten: den Möglichkeiten, die durch soziale Medien entstehen und noch entstehen werden. In einem Artikel in Nature beschreibt es der Wissenschaftskommunikator Jens Foell so: „Social media science communication is a nonstop academic conference for all“. Die These: Wissenschaftskommunikation in sozialen Medien erfüllt heute alle Funktionen von klassischen akademischen Tagungen. Die bieten einen Rahmen für schnelle Kommunikation und Austausch, sind wichtige Knotenpunkte für soziale Interaktionen, wobei unter den Forscher*innen oft lebenslange Freundschaften und professionelle Kooperationen entstehen, und dienen Wissenschaftsjournalist*innen dazu, sich über die neuesten Entwicklungen zu informieren und der breiten Öffentlichkeit darüber zu berichten. Heute posten Forscher*innen Laborgeräte auf Instagram, Methoden-Tutorials auf YouTube, Kommentare auf Twitter. Sie beantworten Fragen auf ResearchGate und fassen ihre Ergebnisse auf TikTok zusammen. Das gesamte Spektrum des persönlichen und fachlichen wissenschaftlichen Austauschs, der sonst auf akademischen Konferenzen stattfindet, hätte sich online entwickelt, so Foell. Mit einem markanten Unterschied: Die Öffentlichkeit, die traditionell von wissenschaftlichen Tagungen ausgeschlossen ist, hört, liest und schaut mit. Und nicht nur das: Da die sozialen Medien darauf ausgelegt sind, Interaktion zu ermöglichen, kommentieren viele der Zuhörer*innen und stellen Fragen.

Bewerten, vergleichen, eigene Inhalte generieren

Wer der Sache wissenschaftlich fundiert näher kommen will: In der aktuellen Ausgabe des Journal of Science Communication (Volume 20, 2021) gehen die Kommunikationsforscherin Monika Taddicken und die Sozialpsychologin Nicole Krämer der Frage nach, wie Laien über Online-Medien mit wissenschaftlichen Informationen in Kontakt treten. In ihrem Paper “Public online engagement with science information: on the road to a theoretical framework and a future research agenda“ beschreiben sie, wie Internettechnologien und insbesondere soziale Medien die Wissenschaftskommunikation drastisch verändert haben. Die Öffentlichkeit konsumiert nicht mehr nur wissenschaftsbezogene Informationen, sondern beteiligt sich aktiv (z. B. durch Bewertung und Verbreitung) und generiert ihre eigenen Inhalte. Gleichzeitig sind Wissenschaftler*innen nicht mehr von Journalist*innen als Gatekeeper für die Verbreitung relevanter Informationen abhängig. Das Paper reflektiert relevante theoretische Stränge, und diskutiert eine neue Wissensordnung samt Akteur*innen. Einer, der Video als wichtigstes visuelles Kommunikationsmittel der Zukunft sieht, ist der US-amerikanische Agrarforscher Eric B. Brennan.  Sein Artikel „Why Should Scientists be on YouTube? It’s all About Bamboo, Oil and Ice Cream“bietet Antworten auf praktische Fragen und eine Reflektion dazu, warum es sich auszahlt, wenn Forscher*innen sich zu Videograph*innen ausbilden – unter anderem um die eigene Kommunikationsfähigkeit zu verbessern und Fehlinformationen zu reduzieren. Ein wissenschaftlicher DIY-YouTuber zu werden, kann aus diesem Blickwinkel eine unterhaltsame, kreative, lohnende und erfüllende Tätigkeit sein, die auch viele Aspekte der Karriere eines Wissenschaftlers, einer Wissenschafterin verbessern kann.

Von brennenden Häusern und der Arbeit nah an den Menschen: neue Werte und Dialogformen

Was sich in vielen der Youtube-Videos jenseits der schlauen „Sendung mit der Maus“- Vermittlung  auch zeigt, ist die stärker werdende soziale Eingebundenheit der Wissensproduktion und ihrer Vermittlung. In ihrem soeben erschienen Buch „Getting to the Heart of Science Communication: A Guide to Effective Engagement“erzählt die Klimaforscherin Faith Kearns dazu eine im doppelten Sinne brenzlige Geschichte:  Bei einem Gemeindefeuerwehrtag in einer nordkalifornischen Stadt hielt die Autorin einen Vortrag über den Bau brandsicherer Häuser, die den immer häufiger auftretenden Waldbränden standhalten können. Dabei wurde sie mit einer Zuhörerin im Publikum konfrontiert, deren Haus kürzlich abgebrannt war. Wie Kearns finden sich Wissenschaftler*innen, die an kontroversen Themen arbeiten – vom Klimawandel über Dürre bis hin zu COVID-19 -, immer häufiger inmitten von zutiefst traumatisierenden oder polarisierenden Konflikten wieder. Sie müssen nicht nur Expert*innen in ihrem Fachgebiet sein, sondern auch im Umgang mit den Gedanken, Gefühlen und Meinungen der Öffentlichkeit, mit der sie zu tun haben. Ihre Werkzeuge für Kommunikation: Zuhören, Arbeit mit Konflikten und Verständnis für Trauma, Verlust und Heilung. Sie schließt das Buch mit einer Diskussion über Vielfalt, Gleichberechtigung und Inklusion in der Wissenschaftskommunikation ab.

Ein Blick in die Vergangenheit hilft dabei, Perspektiven für die Zukunft zu entwickeln: in seinem Beitrag  „Wissenschaft als Belehrung“ geht der österreichische Biologe und Sozialwissenschafter Franz Seifert der Frage nach, welche Wandlungen das Verständnis von Wissenschaftskommunikation in den letzten Jahrzehnten durchgemacht hat. Er spannt den Bogen vom einflussreichen „Bodmer Report“, herausgegeben von der ehrwürdigen Royal Society Mitte der 1980er Jahre in Großbritannien, der erstmals den von den Forschungseliten beklagten Verfall wissenschaftlicher Autorität zum gesellschaftspolitischen Problem erklärte, über das Defizitmodell – die Menschen wüssten nicht genug im Sinne von fehlender Information – bis zur Metapher des „Dialogs auf Augenhöhe“, die in den 2000er Jahren neue Benimmregeln für die Wissenschaft mit sich brachte: nämlich Besserwisserei und Überlegenheitsdünkel abzulegen und nicht nur ehrlich zu sprechen, sondern auch ehrlich zuzuhören. Conclusio: Informationsmangel sei nicht das Problem, vielmehr geht es in Zukunft darum,  das Reflexions- und Urteilsvermögen zu stärken.

Es wird also auch in Zukunft für Wissenschaftskommunikator*innen um viel mehr gehen geht also um mehr als informieren, beraten und vermarkten. Für die neuen Herausforderungen braucht es ein unterstützendes institutionelles Umfeld – oder, wie es die deutsche Denkfabrik  #FactoryWisskomm nennt: eine wisskomm-freundliche Kultur. Wie sich die aufbauen lässt, dazu haben 150 Teilnehmer*innen in den letzten Monaten gearbeitet und neue Ideen und Werkzeugen entwickelt. Am 23. Juni 2021 werden die Empfehlungen der Öffentlichkeit vorgestellt. Die Veranstaltung aus dem Sauriersaal des Museums für Naturkunde Berlin wird per Livestream übertragen.

Aus unseren Projekten

Eine Kernbotschaft aus dem Projekt ArcheoDanube, an dem Oikoplus gemeinsam mit dem Verein Sustainication e.V. beteiligt ist: die lokale Bevölkerung in die Entwicklung archäologischer Stätten zu integrieren. Nach einer erfolgreichen Konferenz mit Teilnehmer*innen aus 12 Ländern geht es jetzt um die Umsetzung der innovativen Ansätze des Projekts. Mehr dazu und einen Überblick über die beteiligten archäologischen Stätten gibt es im aktuellen Projekt-Newsletter.  


Im Projekt SYNCITY ist die Toolbox „Transform – Urban Governance in Action mit Hands-On Ideen und Inspiration für partizipative und nachhaltige Stadterneuerung jetzt fertig. Wir haben den Produktionsprozess geleitet, sie redaktionell bearbeitet, und Texte und Visuals beigetragen. Mehr zu der Publikation hier.  *Am 21. Juni organisieren wir in Kooperation mit Oikodrom – The Vienna Institute for Urban Sustainability rund um die Toolbox eine Online Exchange Conference, das genaue Programm ist hier zu finden  Wir freuen uns auf Austausch und Inspiration!

Im Horizon 2020 Projekt EnergyMEASURES, in dem wir betroffenen Haushalten dabei helfen, aus der ,Energiearmut’ zu entkommen, gibt’s ebenfalls Neues. Auf der Projekt-Website und den Social Media Channels des Projekts, die von Oikoplus betreut werden, liefern wir regelmäßige Updates rund um das Thema Energieverbrauch im Haushalt. In Interviews mit Expertinnen und Experten erkunden wir Wege, Haushalte in Europa beim effizienten Nutzen von Energie zu unterstützen. Neuigkeiten finden sich unter energymeasures.eu.

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RL #007: Zu komplex vs. zu banal – Wie lässt sich Wissenschaft verständlich kommunizieren?

Im Nachruf auf einen Feuilleton-Journalisten war einmal zu lesen, dass der gerade Verstorbene als junger Autor die Aufgabe hatte, ein philosophisches Werk zu rezensieren. Sein Ressortchef habe damals die fertige Rezension gelesen und gesagt: „Wunderbar. Aber schreiben sie es doch bitte so, dass diese philosophischen Gedanken jeder versteht.“ Darauf soll der junge Journalist geantwortet haben: „Das kann ich machen. Aber dann sind es keine philosophischen Gedanken mehr.“ Eine schöne Anekdote. Für die Einen illustriert sie den Bildungsdünkel junger Geisteswissenschaftler, für die Anderen bringt sie genau auf den Punkt, was das Schwierige an der Kommunikation komplexer Inhalte ist: Nämlich, dass sie nicht immer jedem verständlich zu machen sind, ohne sie zu banalisieren. Dieses Problem stellt sich gerade in der Wissenschaftskommunikation ständig – aber auch in anderen Bereichen.

Das Problem kennen viele Journalisten, Texter und Pressearbeiter. Den Mittelweg aus fachlicher Komplexität, sachlicher Angemessenheit und Lesbarkeit zu treffen, ist nicht leicht. Wenn es um das Vermitteln komplexer Inhalte geht, lassen sich klare Aussagen wunderbar hinter komplexen Sätzen und Fremdwörtern verstecken. Und manchmal werden komplexe Formulierungen auch genutzt, um zu verschleiern, dass es eigentlich um Gemeinplätze geht – nur eben in wissenschaftlichem Kontext. „Und doch ist nichts leichter, als so zu schreiben, daß kein Mensch es versteht; wie hingegen nichts schwerer, als bedeutende Gedanken so auszudrücken, daß Jeder sie verstehn muß.“ wusste Arthur Schopenhauer über Schriftstellerei und Stil.

Wie das gelingen kann, zeigen heute, eineinhalb Jahrhunderte später, eine Reihe von YouTube-Kanälen, die sich der Kommunikation komplexer, wissenschaftlicher Inhalte widmen. Forschung & Lehre hat einige der besten deutschsprachigen YouTube-Kanäle zur Wissenschaftskommunikation zusammengestellt: „Faktenbasiert, kurzweilig und leicht verständlich arbeiten darin diverse YouTuber erfolgreich ernste Wissenschaftsthemen für die breite Öffentlichkeit auf.”

Dass Wissenschaft überhaupt dazu angehalten ist, ihre Inhalte verständlich zu vermitteln, ist keine Selbstverständlichkeit und historisch betrachtet ein eher junges Phänomen. Erst seit der Jahrtausendwende werde verstärkt über die Öffentlichkeit der Wissenschaft diskutiert, schreibt Stefan Bauernschmidt in einem lesenswerten Beitrag Zur Kartierung zentraler Begriffe in der Wissenschaftskommunikationswissenschaft. „Dies verläuft in etwa parallel zur großangelegten Verlagerung von einem Public Understanding of Science (PUS) zu einem Public Engagement in Science (PES). Es ist eine Vergesellschaftung der Wissenschaft, die mit dem Begriff der Öffentlichen Wissenschaft einhergeht . Mit diesem wird darauf Bezug genommen, Bürger an Auseinandersetzungen über strittige Forschungs- und Technisierungsprojekte oder sogar am Forschungsprozess selbst aktiv zu beteiligen .“ Wissenschaft zu kommunizieren wird danach zur demokratierelevanten Aufgabe.

Das Verhältnis von Demokratie und Wissenschaft beschreibt Michael Hagner, Professor für Wissenschaftsforschung an der ETH Zürich in einem Beitrag für Forschung & Lehre als „sich ergänzend”. „Für das Verhältnis von Wissenschaft und Demokratie ist viel gewonnen, wenn sich in den Wissenschaften die Erkenntnis durchsetzt, dass es nicht nur eine esoterische und exoterische Kommunikation gibt, sondern dass es auch in der öffentlichen Kommunikation unterschiedliche Rollen gibt. Esoterische und Exoterische Wissenschaftskommunikation wissen möchte, findet den Beitrag hier.

Wer es eine Spur praktischer mag, dem liefert möglicherweise ein Artikel aus National Geographic ein wenig Inspiration, die Wissenschaftskommunikation mit Humor anzureichern. Es wird darin über eine Studie berichtet, die zeigt, dass die Witze in amerikanischen Late Night Shows durchaus zur Verbreitung von Wissen über Themen wie die Wirkung von Impfungen oder den Klimawandel beitragen können. Die Komplexität von Wissenschaft können allerdings auch die besten Witze nicht auflösen. „Wissenschaft ist komplex. Dies in wenigen Minuten zu vermitteln und dabei Witze zu reißen, kann eine Herausforderung darstellen. Im besten Fall ermutigt Satire die Zuschauer nicht nur dazu, sich mit wissenschaftlichen Themen zu befassen, sondern auch kritisch darüber nachzudenken.”

Damit sich möglichst viele Interessierte mit Wissenschaft überhaupt befassen können, muss nicht die Wissenschaft ihrer Komplexität beraubt werden. Die Sprache, in der man über Wissenschaft spricht, kann man allerdings so wenig komplex wie möglich gestalten. Das Netzwerk Leichte Sprache nimmt sich dieses Themas an und hat eine nützliche Sammlung von Regeln für leichte Sprache erstellt.