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RL #020: Kommunizierende Wissenschaft und Demokratie

Ständig in Bewegung, hat die Demokratie weltweit in letzter Zeit einen starken Rückgang erlebt. Laut einer Pressemitteilung von Freedom House aus dem Jahr 2021 haben unterschiedliche Faktoren, darunter die Covid-19-Pandemie, vor allem aber die Unverständlichkeit gesundheitlicher, sozialer und wirtschaftlicher Prozesse, zum Rückzug Einzelner aus dem öffentlichen Raum beigetragen. Für die Demokratie ist das Fatal: das sich Abschirmen gefährdet Freiheit, Inklusion und eine gemeinschaftliche Entscheidungsfindung. Aber Wissenschaftskommunikation sollte und kann schwer verständliche Konzepte klären. Sie kann die Kluft zwischen der laufenden Forschung und der breiten Öffentlichkeit überbrücken. Sie kann das Unbehagen, einen Beitrag zum öffentlichen Raum zu leisten, lindern. Auf unsere Reading List zum Thema Inklusion in der Wissenschaftskommunikation folgend, stellen wir dieses Mal Texte vor, die die Beziehung zwischen Wissenschaftskommunikation und Demokratie thematisieren.

Demokratie und eine informierte, aber hilflose Öffentlichkeit

Demokratie ist ein Prozess, der eine kontinuierlich informierte Öffentlichkeit erfordert. Nur so ist ein gleichberechtigter öffentlicher Diskurs möglich. Im Detail aber aber, scheinen die Dinge noch viel komplexer zu sein. In „The Fall of the Public Man“ (hier erhältlich) führt Soziologe Richard Sennett aus, dass das Versäumnis, der Zivilgesellschaft Wissenschaft zu erklären, demokratischer Prozesse stört. Unverständliche Informationen verstärken demnach das Unverständnis für laufende Entwicklungen. Und sie führen zu einem mangelnden Interesse an allem, was über den das Individuum Betreffende hinausreicht.

Photo von Marc Kleen auf Unsplash

Lassen Sie uns das auf die städtische Ebene beschränken. Wie Peter Marcuse in „From Critical Urban Theory to the Right to the City“ hervorhebt, verursacht die global empfundene Unzufriedenheit in Kombination mit den gegenwärtigen Lebensbedingungen weltweit zu einer Menge Frustration. Diese Frustration resultiert vor allem aus dem mangelnden Zugang zu Wissen. Sie hemmt unser Verständnis für unsere Relevanz und Rolle bei der Verbesserung unserer Situation und lässt uns hilflos fühlen. Dieses Gefühl der Hilflosigkeit wird durch die physische und intellektuelle Expansion privater Akteure noch verstärkt. Wir können ihre Auswirkungen auf unsere Umwelt, Wirtschaft und Gesellschaft nicht einschätzen. In „Whose City Is It? Globalization and the Formation of New Claims“ legt Saskia Sassen dar, dass es genau diese Einheiten sind, die das Individuum aus der Öffentlichkeit drängen.

Wissenschaftskommunikatoren in demokratischen Umgebungen

Ein weit verbreiteter, die Hilflosigkeit verstärkender Irrglaube ist, dass wissenschaftliche und akademische Erkenntnisse ausschließlich von Fachleuten gewonnen werden können. Klar, Spezialisierung bietet besondere Möglichkeiten für die Durchführung und Beurteilung der Forschung. In „We have never been modern“ argumentiert Bruno Latour allerdings, dass gesellschaftlicher Wandel auf der gemeinschaftlichen Produktion von Informationen beruht. Es gehe darum, den Menschen das Gefühl von Autonomie und die Fähigkeit zur Selbstbestimmung zu geben.

Photo von Artem Maltsev auf Unsplash

Ähnlich wie Latour argumentiert Bruce V. Lewenstein in „Expertise, Democracy and Science Communication„, dass die Zivilgesellschaft aufmerksamer und verständnisvoller wird, wenn sie die Wissenschaft versteht. Im Gegenzug steigt die öffentliche Nachfrage und damit auch das Potenzial für Finanzierungen. Gleichzeitig führt, wie Bernard Schiele et al. in „Science Communication and Democracy“ dargelegen, gemeinsame Wissensproduktion zu einer heterogeneren Gesellschaft. Nämlich einer Gesellschaft, die in der Lage ist, informierte und damit differenziertere Entscheidungen über die Zukunft unseres Planeten zu treffen.

Wie kommunizierte Wissenschaft Demokratie unterstützen kann

Die Wissenschaftskommunikation allein wird das Problem der schwindenden globalen Demokratie nicht lösen. Aber sie trägt dazu bei, dass Wissen aus den Händen weniger in den Besitz vieler gelangen. Die Dezentralisierung von Wissen ist ein wichtiger Faktor für die Gleichberechtigung und Bedingung eines gut informierten Wahlvolks; sie verbessert die Qualität der Entscheidungsfindung. In „Scientific Citizenship in a Democratic Society“ argumentiert Vilhjálmur Árnason, dass Wissenschaftskommunikation und wissenschaftliche Kompetenz die öffentliche Politikgestaltung vorantreiben. Er meint, dass Plattformen für den gegenseitigen Unterricht der Schlüssel zur Bekämpfung von Unwissenheit seien. Sie könnten den einen nachhaltigen gesellschaftlichen Wandels jedenfalls unterstützen. Weiterführend wir das Konzept der „motivierten Unwissenheit“ wird von Daniel Williams vom Hasting Center erörtert.

Photo von Danny Lines auf Unsplash

Letztlich ist dies der Punkt, an dem die Wissenschaftskommunikation ihre Wirkung entfalten kann. Wissensdemokratie, wie Alice Lemkes die Herausforderung der Wissenschaftskommunikation in ihrem Weißbuch für Lankelly Chase nennt, sei die einzige Möglichkeit, dem starren System der hierarchischen und undemokratischen Wissensproduktion entgegenzuwirken.

Diese Reading List wurde von Zuzanna Zajac verfasst.