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RL #018: Schreiben mit Lesefluss: Über die Reduktion des Energieeinsatzes im Leseprozess

In der Wissenschaft lesen wir ständig. Und zwar lesen wir lange Texte, kurze Texte. Monografien, Sammelbände, Abstracts. In den Naturwissenschaften sind Paper meist kürzer und folgen einem straff organisiertem Aufbau. Bei den Sozialwissenschaften hingegen, sind die Texte länger und in der Struktur fluider. In beiden finden wir Sprachbilder, Beispiele und Vergleiche. Sie geben den Ergebnissen einen Rahmen. Disziplinenübergreifend gilt, dass unsere im Lesen und Verstehen geübten Leser*innen, entsprechend der Textqualität mehr oder weniger Energie aufwenden. Genau damit setzt sich diese Reading List auseinander.

Et= Esyn+Esem

2014 schrillten die Alarmglocken in der US-amerikanischen Wissenschaftsszene: erstmals seit 35 Jahren, würden Wissenschaftler*innen weniger lesen. Bald stellte sich heraus: die Analyse war falsch und der Titel des Artikels verwirrend. Tatsächlich lesen Wissenschaftler*innen seit den 1970er Jahren nämlich immer mehr. Und zwar 264 Artikel im Jahr; oder 22 pro Monat. In einem im Nature veröffentlichten Beitrag, gibt Richard Van Noorden Einblick in die Details der Lesegewohnheiten von Wissenschaftler*innen.

Für jeden neuen Artikel lassen sich die Kolleg*innen auf ihnen zuvor oft unbekannte Narrative und Schreibstile ein. Ohne die Inhalte zu kennen, bringen sie dafür Energie auf. Die totale für das Verarbeiten eines Satzes notwendige Energie (Et) setzt sich aus zwei Komponenten zusammen: der syntaktischen Energie (Esyn) und der semantischen Energie (Esem). Damit argumentiert jedenfalls Jean-Luc Lebrun im 2007 veröffentlichten Buch „Scientific Writing“.

Am besten nachvollziehen, lässt sich der benötigte Energieaufwand beim selbst lesen. Wie einfach fällt es Ihnen lange, umständlich strukturierte Sätze zu dechiffrieren und – viel wichtiger – konnten Sie neben der Struktur auch den Inhalt erfassen? Um die Komplexität selbst geschriebener Sätze zu verdeutlichen, kann es helfen alle Hauptaussagen (den Verbund von Nomen und Verb) zu unterstreichen. Je größer die Abstände zwischen den unterstrichenen Passagen, desto umständlicher die Formulierungen. Wir sind an Lebruns‘ Kern angekommen.

Foto von D0N MIL04K von Pexels

Satzstrukturen aufbrechen

Damit Ihre Leser*innen beim Dechiffrieren von Satzstrukturen Energie sparen und diese für das Verstehen der Inhalte aufwenden können, gibt es eine Reihe von Strategien. Im Jahr 2013 veröffentlichten Tomi Kinnunen et al. Von der Universität Ostfinnland den SWAN – Scientific Writing Assistant. Das in einem Paper beschriebene SWAN baute auf den von Lebrun aufgestellten Prämissen auf und sucht in Texten nach besonders herausfordernden Satzstrukturen: Schachtelsätze, Nominalstrukturen, Langatmigkeit. Leider wurde das Projekt 2013 eingestellt. In Teilen, übernehmen heute Programme wie z.B. Grammarly diese Funktion. Aber aufgepasst: mit grammatikalischen Strukturen darf, wenn es denn der Verarbeitung von Inhalten zuträglich ist, gebrochen werden. Auch in wissenschaftlichen Essays.

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Besondere Bedeutung kommt beim Aufbrechen von Satzstrukturen den Satzzeichen zu: Kommata, Strichpunkten, Doppelpunkten und Gedankenstrichen. In einem Blogbeitrag der Writing Cooperative, zeigt Karen deGroot Karter auf, wie Satzzeichen nicht nur richtig, sondern auch den Lesefluss unterstützend, eingesetzt werden können. Ausführlicher wird Stephen Wilbers. Der Verwendung von Satzzeichen widmet er Week 21 in Mastering the Craft of Writing. Seine These lautet, dass zwar alle Satzzeichen trennen; dabei aber verschiedene stilistische Möglichkeiten bieten. Mit Kommata lässt sich spielen.

Schlussbemerkung

Lesefluss lässt sich quantifizieren. Das tut zum Beispiel ein WordPress-Plugin auf dieser Website. Der Flesch Reading Ease dieser Reading List liegt dem Plugin zufolge bei 32,3. Angeblich ist der Text schwer zu lesen. Grund für den niederen Score sind zu lange Sätze und zu wenige Worte, die einen Übergang andeuten. Sich davon verunsichern zu lassen, wäre aber falsch. Es gibt gewiss Leser*innen und Autor*innen, die den Text als gut leserlich bezeichnen würden. Und bei 22 Artikeln im Monat und 264 Artikeln im Jahr, dürfte auch für wissenschaftliche Publikationen gelten, dass nicht alles, was als unlesbar gilt, auch unverständlich ist. Sich mit dem eigenen Schreiben auseinanderzusetzen, kann jedenfalls dabei helfen, die eigenen Gedanken und Ideen besser zugänglich zu machen.